Die dunkle Seite

Die dunkle Seite

von callisto24
cal_listo24@yahoo.de



Fandom: 24
Charaktere: Jack/Tony
Kategorie: Drama, m/m slash
Thema: vor Season3, Jack undercover und heroinabhängig
Word Count: 4347
Rating: NC-17
Warnungen: Gewalt, Drogen, Tod, m/m slash, explizite Slash Szenen,
und außerdem so richtig unheimlich düster!
Anmerkung: Charaktere gehören mir nicht, seufz! Kein Geld etc....
Archivieren: immer gerne!




Seit drei Tagen steckten sie nun in dieser gottverlassenen Hütte
fest. Tagsüber brannte die Sonne auf das schäbige Dach, erhitzte die
Luft darunter, bis sie zu glühen schien, während nachts die Kälte der
Wüste durch die Ritzen und Spalten kroch, und es unmöglich machte
Schlaf zu finden. Jack saß auf dem Boden, an die Wand gelehnt, den
Blick teilnahmslos ins Nirgendwo gerichtet. Der Junge, der bei ihm
war und der seit Stunden unruhig auf und ab lief, war kurz davor die
Beherrschung zu verlieren. Es war offensichtlich, dass er der
Situation nicht gewachsen war. Jack versuchte ruhig zu atmen, er
konnte sich jetzt noch keinen Schuss erlauben. Ramon hatte ihm
unmissverständlich klar gemacht, wie viel von diesem Auftrag abhing,
und dass kein noch so kleiner Fehler in Frage kommen würde. Dem
Jungen lief der Schweiß in Strömen hinunter, er keuchte und blieb mit
einem Mal stehen. Er stützte sich mit dem Arm an die Wand und
unterdrückte einen Fluch.
"Wie lange noch, wie lange noch... ?" Hilfesuchend sah er sich nach
Jack um, der lediglich mit den Schultern zuckte, anstelle einer
Antwort. Er konnte kaum älter als zwanzig sein, ein Sohn aus einer
der zahlreichen Familien, die von Ramon abhängig waren. Einer der
vielen Männer, die beeindruckt waren von der Macht des Kartells, von
der Gewalt, dem Reichtum, den Waffen. Doch wenn es um die Realität
ging, um das tagelange Ausharren, Abwarten, Beobachten des Opfers, um
es dann, wenn der Zeitpunkt gekommen war, kaltblütig zu ermorden und
mit den Folgen zu leben, dann gerieten sie alle an ihre Grenzen. Jack
wusste, dass Ramon ihn niemals hätte allein gehen lassen, das Heroin
alleine gab ihm ausreichend Grund für mindestens einen weiteren
Killer. Nicht dass es einen Unterschied gemacht hätte. Er würde die
Zielperson töten, so wie es sein Auftrag war, ob er alleine wäre oder
unter Beobachtung. Sein zukünftiges Opfer war ein brutaler Mörder und
er hatte schon weitaus Schlimmeres getan, um das Vertrauen eines
Verbrechers zu erhalten. Aber er musste zugeben, dass es leichter war
von der Droge Abstand zu halten, wenn jemand auf ihn achtete.
Die Luft war drückend und jeder Atemzug schien zu schmerzen, trotzdem
fror er. Den Gedanken an die nächtliche Kälte versuchte er so gut wie
möglich zu verdrängen, sie hatten immerhin bereits über die Hälfte
der Zeit durchgestanden. In zwei Tagen würde man sie entweder
abholen, oder ablösen, falls der, auf den sie warteten, noch nicht
eingetroffen sein sollte, womit allerdings kaum zu rechnen war. Ramon
kannte seine Gegner und wenn es darum ging ihre Angewohnheiten
auszukundschaften, war er unschlagbar. Es gab keinen Zweifel, dass
sein Opfer hier vorbeikommen würde, egal wie viele Umwege und Tricks
er sich einfallen ließ, an diesem Ort würde er sein Ende finden.
Der Junge lehnte mit der Stirn gegen die Wand und stöhnte. Seine
Fäuste ballten sich zusammen und pressten gegen das Holz, bis die
Knöchel weiß hervortraten. Die linke Faust begann, erst langsam und
leicht, doch dann immer stärker gegen die Wand zu hämmern. Jack
beobachtete mit Unbehagen, wie seine weit aufgerissenen Augen die
Maserung fixierten, den Lippen unverständliche spanische Wörter
entschlüpften und die rechte Hand nun in den Rhythmus einfiel, ihn
verstärkte, als könnte so ein Fluchtweg aus dieser Hölle geschaffen
werden.
"Sei, verdammt noch mal, still!" Er stand auf, verzog schmerzhaft das
Gesicht, als das Blut wieder durch seine Beine zu zirkulieren
begann. "Kein Laut von hier, oder wir sind tot!"
Der Junge reagierte nicht. Jack fasste ihn an der Schulter, wollte
ihn zu sich drehen, als sich die Panik des Mannes plötzlich gegen ihn
richtete. Ein Blick in die starren Pupillen genügte, um zu erkennen,
dass hier kein Zuspruch mehr etwas ausrichten konnte. Jack spürte
einen Schlag in die Rippen und den Griff an seinen Hals. Trotz seiner
Erschöpfung setzte automatisch das langjährige Training ein, ohne
Nachzudenken duckte er sich, trat gegen eines der Schienbeine seines
Gegners, und nahm ihm dann den Boden unter den Füßen, indem er das
andere blitzschnell beiseite schob. Mit dem Ellbogen stieß er ihn um
und ein gezielter Schlag ließ seinen Körper schlaff werden, sein
Bewusstsein davon driften. Schwer atmend stand Jack auf, seine Hände
zitterten, als er das Blut des Jungen, leuchtend rot, unter seinem
Kopf hervor sickern sah.

Zur gleichen Zeit näherte sich ein staubiger Jeep einem abgelegenen
mexikanischen Dorf, unweit des Besitzes der Salazars. Sand flog in
einer schmutzig gelben Wolke auf, als die Bremsen quietschten und der
Wagen mit einem Ruck zum Stehen kam.
"Antonio! Schön, dass du da bist."
Tony öffnete die Tür und stieg mit einem Lächeln aus.
"Es ist immer schön die Familie zu sehen!"

"Agent Almeida, Sie sind spät," mahnte Carmen lächelnd, sobald sie
die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. "Das ist mein Mann Carlos, er
hat die Informationen, die sie wollten, bereits seit gestern Abend."
Tony nickte ihr dankbar zu und strich sich das Haar aus der Stirn.
"Ich bin ein paar Umwege gefahren. Hatte ein ungutes Gefühl!"
"Es ist besser vorsichtig zu sein, Senor, man kann nie wissen, wie
sicher ein Ort ist."
Tony grinste Carlos dankbar an und streckte ihm seine Hand entgegen,
die dieser selbstsicher ergriff und fest drückte. Wichtig war in
erster Linie sein Auftrag, er musste sicher stellen, dass die Mission
nach Plan lief, dafür sorgen, dass Jack genug zusammen bekam, damit
sie das Kartell zerschlagen konnten. Chapelle hatte deutlich gemacht,
dass er auf unmittelbare Ergebnisse angewiesen war. Wenn er nicht in
der Lage sein sollte diese zu garantieren, wäre eventuell alles
vergeblich gewesen, und das konnte er nicht zulassen, nicht nach all
dem, was es sie schon gekostet hatte.
Carlos nickte.
"Also, der Aufenthaltsort ist bekannt?"
"Mein Informant wusste nichts genaues, aber es steht außer Frage,
dass Salazar den Americano auf die Jagd geschickt hat."
Tony blickte stirnrunzelnd von der Karte, die er im Begriff war zu
studieren, auf.
"Ein Mordauftrag," setzte Carlos hinzu. "Der oberste Berater des
Polizeipräsidenten, korrupt bis ins Mark.. Die Salazars wollten ihn
schon seit langem durch ihren Mann ersetzten. Sie konnten nur nicht
an ihn herankommen. Er leidet unter extremem Verfolgungswahn. Kein
Wunder, bei all dem, was er in den letzten zwanzig Jahren verbrochen
hat."
"Und jetzt soll unser Mann ihn aus dem Weg räumen!"
"Er muss, sonst fliegt er auf. Und außerdem...," Carlos rollte mit
den Augen, "... es wäre auch nicht gerade ein Verbrechen."
"Es sei denn wir ließen es zu, dass die Salazars den Posten in den
Griff bekämen."
Carlos nickte und beugte sich über die Karte. "Mein neuester
Kontakt," er zwinkerte Tony zu, "... hat sie genau hier ausgemacht.
Es ist nicht weit von hier, anscheinend lauern sie ihm in diesem
Versteck auf, davon ausgehend, dass er diesen Weg nehmen wird." Er
zeigte auf einen angedeuteten Pfad, der direkt in die Wüste zu
führen schien. "Dort wird er vorbeikommen müssen. Es ist der einzige
Weg, der ihm übrig bleibt. Die Frage ist nur, wann das sein wird."
Tony kratzte sich an der Wange. "Ich verstehe." Er faltete die Karte
wieder zusammen. "Ich werde sehen was ich tun kann."
Carlos sah ihm zweifelnd nach. "Agent Almeida, ich weiß nicht, ob es
klug ist... "
Doch Tony war bereits in Richtung Tür unterwegs. Er drehte sich noch
einmal um.
"Ist schon in Ordnung. Wir reden noch." Mit diesen Worten setzte er
die Sonnenbrille auf, die vor den immer noch gleißenden, wenn auch
orange getönten Strahlen der Abendsonne einen spärlichen, aber
dankbar angenommenen Schutz boten.

* * *

Jack hatte die Wunde so gut es ihm möglich war, versorgt. Sie war
weniger gefährlich, als er im ersten Augenblick angenommen hatte.
Sorgen machte ihm lediglich, dass der Junge sein Bewusstsein noch
nicht wiedererlangt hatte, aber Atem und Puls verliefen regelmäßig,
und trotz seiner zitternden Hände war es ihm gelungen die Blutung zu
stoppen. Im Grunde war er froh darüber einen Moment Ruhe gewonnen zu
haben, er konnte nicht mehr leugnen, wie sehr er ihn brauchte.
Er schloss die Augen, als das Gift in ihn eindrang, ihn überwältigte,
jeden Schmerz, jede Angst, jede Unsicherheit mit sich fortspülte. In
diesem Moment war ihm alles egal, in diesem Moment hätte er den Tod
umarmt wie einen Liebhaber.
Laute drangen beinahe unbemerkt an sein Ohr, er wehrte sich dagegen,
weigerte sich etwas anderes wahrzunehmen, als das Rauschen, das ihn
mit sich in die Ferne riss, nach der er sich sehnte.
Der Junge bewegte sich, stöhnte, begann um sich zu schlagen. Mühsam
öffnete Jack die schweren Augenlider, beobachtete wie sein Gegenüber
einen Fluch zischte, und ihn mit einem flammenden Blick bedachte.
Wenigstens war er wirklich nicht ernsthaft verletzt, und wie es
aussah, hatte er soeben festgestellt, dass er mit einer Hand an der
Wand angebunden war.
"Verdammter Junkie!"
Beinahe hätte sich sein Gesicht in ein schiefes Lächeln verzogen,
aber nur beinahe, erkannte er doch die abgrundtiefe Verachtung in
diesen Worten, Verachtung, die schwerer zu ertragen war, je mehr er
sie sich selbst gegenüber ebenso empfand.
Ein Wind kam auf, er spürte es intuitiv, noch bevor er das Geräusch
der Sandkörner, die gegen das Dach gewirbelt wurden, erkennen
konnte. Und noch etwas Ungewohntes versetzte seine Sinne in
Alarmbereitschaft, ließ ihn in Sekundenschnelle aufspringen und zum
Fenster schnellen, das zwar mit Brettern vernagelt, aber Raum genug
bot, um hinaus zu spähen.
Der Himmel leuchtete in einer ungewohnten und unheimlichen Farbe. Die
gerade noch beinahe friedliche Abendstimmung hatte sich in eine
schmutzig gelbe Welt verwandelt, in der außer Staub und Sand nichts
anderes mehr zu existieren schien.
Und doch war es nicht der Wetterumschwung, der ihn alarmiert hatte.
Er konnte nicht sagen woher, aber er wusste, dass sich jemand
näherte, jemand, der leise und schnell genug war um innerhalb eines
Herzschlages in den Raum einzudringen, ohne dass er den Luftzug der
sich öffnenden und ebenso schnell wieder schließenden Tür, wahrnehmen
konnte.
Scharf sog er die Luft ein, als starke Arme ihn umfingen, ihn in die
vertraute und ersehnte Umarmung zogen.
"Tony...! Warum?"

Endlich gelang es Tony sich aus Jacks Umarmung zu lösen, und sei es
nur, um Jack ein wenig Luft zu gönnen, und auch nur soweit, dass sich
ihre Blicke trafen und Tony sich gefangen fand in diesen leuchtenden
Augen, die im schwachen Licht des aufziehenden Gewitters in einem
unnatürlichen Grün funkelten, beinahe wie Smaragde, das normalerweise
vorherrschende Blau in den Hintergrund drängend.
"Was tust du hier, Tony?" flüsterte Jack schließlich, nachdem er sich
mit einem Ruck aus dem festen Griff der starken Arme befreit hatte.
Der erste Anflug eines Lächelns zuckte um Tonys Mundwinkel.
"Ich hab mir Sorgen gemacht, und... ," er fuhr mit der Hand durch
Jacks weiches Haar, das er stärker vermisst hatte, als ihm bewusst
gewesen war, und umfasste zärtlich seine Wange, eine Bewegung, in die
sich der jüngere Mann unmerklich schmiegte, bevor er Tonys Hand mit
seinen beiden ergriff und zum Mund führte. Tonys Augen füllten sich
mit Tränen, als die Geste etwas lange Verschüttetes in seinem Inneren
berührte. Er schluckte abwesend, versuchte den Gedanken weiter zu
führen.
"Chapelle besteht auf sichtbaren Fortschritten und regelmäßigen
Berichten. Er führt bereits wütende Tänze auf, in dem Bemühen die
Mission zu rechtfertigen. Wenn wir ihm, und der Division nicht bald
irgendetwas servieren können, wird er dich abziehen."
"Das wird er nicht!"
Jacks Augen blitzten in purem Zorn, sandten eisblaue Strahlen in
Tonys dunkelbraune. Das Grün war verschwunden, ein kaltes, beinahe
graues Licht schien von ihnen auszugehen.
In diesem Moment peitschte ein Windstoß über die Ebene. Ohne, dass
sie es gemerkt hatten, waren schwere Wolken, dunkel und drohend über
ihren Köpfen aufeinander getroffen.
Die Natur hielt für einen letzten Augenblick den Atem an, verharrte
totenstill in Erwartung des bevorstehenden Gewitters.
Und dann brach die Hölle los. Blitze zuckten, Donner grollte, Regen
hämmerte auf das Dach, das gerade noch in der Hitze geglüht hatte,
durchschlug die schwachen Stellen, die seiner Gewalt nicht mehr Stand
halten konnten. Durch die Ritze in den Wänden pfiff scharf der Wind,
und die Dunkelheit fiel über sie wie ein Mantel, und doch konnte Tony
noch den Blick des Freundes auf sich fühlen, unerbittlich, hart und
von abgrundtiefer Verzweiflung erfüllt.
"Ich werde nicht gehen." Er spürte die Worte mehr, als er sie sah,
und er verstand. Jack hatte bereits zu viel von sich aufgegeben, um
jetzt einfach so gehen zu können.

Beide lösten sich aus ihrer Erstarrung, Jack, der Tony hineinzog und
die Tür hinter ihm schloss, während der Sturm vergeblich dagegen
anheulte, und Tony, der ins Innere der Hütte stolperte, gerade noch
einen Blick auf das Chaos werfend, das sich draußen abspielte. Das
staubige Gelb der Wüste verschmolz mit der Düsternis des Himmels,
dessen Ränder in dunklem Rot glühten, zu einem bedrohlichen lila
Farbton, der das Unwirkliche der Situation zusätzlich hervorhob.
"Wer ist das?" keuchte Tony erschrocken, als er den gefesselten
jungen Mann in den Schatten wahrnahm.
"Mein Assistent," antwortete Jack, und Tony konnte das diabolische
Grinsen beinahe spüren, das der andere ihm zuwarf.
Irritiert beschloss er, es dabei bewenden zu lassen, wandte sich um
und spähte aus einer der Ritzen in den Wänden. Er konnte das Gefühl
nicht abwehren, dass mit Jack etwas Furchtbares im Gange war, dass er
sich auf eine Weise veränderte, die niemals wieder rückgängig zu
machen wäre.
Als wäre das Unwetter, das die Hütte schüttelte, nicht schon schlimm
genug, gesellte sich zu dem Tumult, den die Natur veranstaltete, noch
ein anderes Geräusch. Eine Bewegung im Dunkeln bewies Tony, dass Jack
das Aufheulen des Motors, der sich bemühte, ein Fahrzeug durch
unwegsames Gelände zu treiben, auch nicht entgangen war.
Angestrengt starrte er in die herabsinkende Finsternis, konnte nicht
mehr ausmachen, als zuvor. Wenn es ein Wagen sein sollte, so musste
er ohne Lichter fahren.
Jack, neben ihm, hantierte in unnachahmlicher Geschwindigkeit an
seinen Taschen und Stiefeln herum. Tony hörte das verräterische
Klicken, das der Munitionsblock beim Einrasten verursachte, das
Befestigen von Schalldämpfern und Entsichern der Waffen. In
Sekundenschnelle war Jack an der Tür.
"Warte hier," zischte er, und Tony wusste es besser, als ihm zu
widersprechen, wenn er sich in dieser Stimmung befand.
Das war es also. Die Tür fiel beinahe lautlos zu und das Gewitter
heulte auf, als ob es ahnen würde was im Gange war.
Tony starrte das braune Holz an, und fragte sich zum ersten Mal, ob
das, was er tat, einen Sinn machte, ob er irgendetwas hätte
verändern, besser machen können. Er wusste, dass es darauf keine
Antwort geben konnte.
Es kam ihm vor, als hätte er eine Ewigkeit gewartet. Der Junge an der
Wand hatte sich nicht gerührt. Tony hatte seinen Puls und die Atmung
gecheckt, und beides für gleichmäßig und unbedenklich befunden.
Offensichtlich hatte Jack ihn nur gründlich außer Gefecht setzen
wollen.
Das Unwetter hatte sich beruhigt, lediglich der Regen tropfte
gleichmäßig und unerbittlich auf das Dach, spielte einen endlosen
Rhythmus, als wolle er niemals damit aufhören. Die Dunkelheit hatte
sich in tiefe, undurchdringliche Schwärze verwandelt, war zur Nacht
in der Wüste geworden.
Tony hatte sich auf den Boden gesetzt, die Beine angezogen, ohne zu
wissen, dass er die selbe Position einnahm, in der Jack so lange
ausgeharrt hatte. Seine Pistole lag griffbereit, seine Augen waren
Richtung Tür gerichtet. Manchmal vermeinte er die Atemzüge seines
Zimmergenossen vernehmen zu können, aber hauptsächlich war es der
Regen, der ihn mit seiner Monotonie einschläferte.
Plötzlich schreckte ihn ein Luftzug auf. Die Tür klappte zu.
Erstaunlicherweise gab sie ansonsten kein Geräusch von sich, kein
Quietschen oder Knarzen, Jack musste sie wohl geölt haben. Und Jack
war wieder im Raum, er fühlte es, auch wenn er ihn nicht sehen
konnte.
Ein Licht flammte auf, und der weiße Schein einer Petroleumlampe
erhellte das Dunkel.
"Können wir wirklich Licht machen?" fragte Tony, bevor er seine Worte
überdacht hatte.
"Jetzt schon," lautete die knappe Antwort. "Wir sind sicher."
Jack stellte die Lampe vor ihnen auf den nackten Boden, und ließ sich
dann neben Tony sinken.
Tony spürte ihn zittern. Er braucht nicht zu fragen, was geschehen
war. Aus seinen Haaren und Kleidern sickerten die Wassertropfen, doch
anscheinend hatte er nicht vor, etwas dagegen zu unternehmen.
"Jack," fragte er leise. "Jack, du frierst."
"Ich weiß", murmelte der andere abwesend. "Immer."
Tony nickte und legte vorsichtig und langsam, als wolle er ihn nicht
erschrecken, seinen Arm um ihn und zog ihn schließlich an sich,
ungeachtet dessen, dass er nun selbst nass wurde.
Jack schmiegte sich an Tony, umklammerte ihn bebend, als könnte der
Freund ihn beschützen, ihn vor Schlimmerem bewahren, als dem, was ihm
bereits widerfahren war.
"Mir ist kalt," flüsterte er, die Augen fest geschlossen. Tonys Arme
umschlangen ihn, seine Lippen begannen das feuchte Gesicht zu küssen,
die Feuchtigkeit nicht nur als Regen, sondern auch als salzige Tränen
erkennend. Entschlossen streifte er Jacks beinahe noch triefenden
Haare zurück, und begann ihn langsam und liebevoll von der nassen
Kleidung zu befreien. Das dünne Hemd klebte an Jack, als Tony es
behutsam aufknöpfte. Er zog ihn zu sich und wand die, in dieser
Beleuchtung beinahe weiß, wenn nicht sogar farblos wirkenden Arme,
aus den engen Ärmeln. Jack zitterte wieder, und Tony stoppte für
einen Moment, um seine Brust mit sanften Küssen zu bedecken, und mit
den Händen seinen Rücken zu streicheln. Jack ließ seinen Kopf auf
Tonys Schulter sinken, und seufzte leise.
"Du solltest nicht."
"Ist schon in Ordnung." Tony umfasste sein Gesicht und sah ihm lange
in die Augen. "Ich passe auf."
Mit geschickten Griffen befreite Tony den Freund aus seinen
Beinkleidern und verschlang seinen Mund in einem hungrigen Kuss.
Lippen, Zungen trafen sich, tanzten einen wilden, beinahe brutalen
Tanz, während Tonys heiße Finger über die kalte Haut des Jüngeren
glitten, ihr Feuer das Seine zu entfachen suchten. Jack seufzte, als
die erfahrenen Hände den Ort zwischen seinen Beinen fanden, der sich
nach ihnen sehnte, als der unersättlich scheinende Mund von seiner
Wange bis zu seinem Hals wanderte, zärtlich und doch fordernd an dem
Ohrläppchen saugte, und die empfindliche Haut bedeckte. Das Herz
hämmerte in seiner Brust, Blut brannte wie flüssige Flammen in seinen
Adern, raste zu den Stellen, die Tony berührte, die er mit Lippen und
Händen erhitzte. Mit einer Kraft, die den Dunkelhaarigen immer noch
in Erstaunen versetzte, zog Jack ihn zu sich herunter und presste ihn
an sich, bis er sein Gewicht schwer auf sich ruhen fühlte. Tony
suchte mit immer noch geschlossenen Augen und bis ins Unerträgliche
anwachsendem Verlangen wieder den fein geschwungen Mund und raubte
ihm ohne Zögern den Atem. Seine linke Hand vergrub sich in den
weichen, blonden Haaren, die rechte knetete Jacks Hüften, die bereits
begannen zu zucken und sich zu winden. Tony erwiderte die Bewegung,
erzwang die Oberhand, setzte einen Rhythmus, der begann ihn in
Ekstase zu versetzen. Er riss sich los, rang nach Atem. Auch Jack
atmete schwer, richtete den Blick auf Tony und versuchte ihn wieder
an sich zu ziehen. "Warte," zischte Tony, die Stimme heiser vor
unterdrückter Leidenschaft. Das Bild des Mannes unter ihm, dessen
Augen sich in die seinen bohrten, dessen Körper nach Aufmerksamkeit
schrie, wäre beinahe zu viel für ihn geworden. Mit fahrigen
Bewegungen ergriff er das Kondom aus seiner Hosentasche, entledigte
er sich seiner Jeans, riss die Verpackung mit den Zähnen auf und
streifte es eilig über sein schmerzhaft hartes Glied. Jacks kühle
Finger halfen ihm, ließen ihn erschauern und entlockten ihm
gleichzeitig ein ersticktes Stöhnen, als sie ihm den Weg zeigten, bis
er sein Ziel fand. Ein scharfer Luftzug war das einzige Anzeichen
dafür, dass Jack sein Eindringen bemerkt hatte, dass das Fehlen von
Gleitmittel Schmerz hervorrief. Vorsichtig begann Tony sich zu
bewegen, wissend, dass er sich nicht lange würde zurückhalten können.
Jack biss sich auf die Unterlippe, schlang die Beine um den Freund
und begegnete den Stößen, als könnte es ihm gelingen mit dem Anderen
eins zu werden, wenn er ihn nur tief genug in sich aufnähme. Die
Augen zusammengepresst öffnete sich der Mund zu einem stummen Schrei,
als Tony schneller und härter zustieß, den Kopf in den Nacken warf
und die Welt von einem Feuerwerk explodierender Sterne erleuchtet
wurde. Tonys Keuchen erfüllte den Raum, als er über Jack
zusammensackte, seinen Kopf auf die Schulter des schmalen Mannes
senkte, der sich in den dunklen Locken festkrallte.
"Ich habe dich vermisst." Die Worte entkamen ihm, noch ehe er sie
aufhalten konnte, wanderten durch Dunkelheit und Leere, verschmolzen
mit dem eintönigen Tropfen des Regens bis sie vergingen. Jack drehte
den Kopf zur Seite, starrte blind auf die raue Wand.
"Ich weiß."

~


"Madre de dios," stöhnte eine Stimme im Hintergrund, ließ beide
Männer gleichzeitig erstarren, während sich ihre Blicke trafen.
Konnte es wirklich sein, dass sie ihren gefesselten Mitbewohner
vollkommen vergessen hatten? Tony griff nach seinem Hemd und reichte
Jack, der bereits dabei war in seine ausgebeulten Jeans zu steigen,
gleichzeitig das Seinige herüber, das dieser dankbar ergriff.
Als erster angezogen untersuchte Jack mit geübten Griffen die Wunde
des fluchenden Jungen.
"Alles bestens," versuchte er ihn auf spanisch zu beruhigen, ein
Versuch der fehlschlug, da Pietro sich wütend von ihm abwand und an
seinen Fesseln zerrte, um sein Unbehagen auszudrücken. Es war
offensichtlich, dass er Jack nun als Feind betrachtete, als jemanden,
der eine Bedrohung darstellte und gleichzeitig seine Verachtung
verdiente. Er spuckte vor ihm aus und fluchte wieder.
"War es wirklich notwendig ihn so zuzurichten?" fragte Tony
zweifelnd, doch Jacks Reaktion zeigte ihm im selben Moment, dass er
diese Frage besser zurückgehalten hätte. Der blonde Mann fuhr herum,
blitzte ihn mit funkelnden Augen an, die eine Wut zurückhielten, die
der des Jungen in nichts nachstand. Er ging auf Tony zu, der für eine
Sekunde daran dachte zurückzuweichen, doch blieb dann unmittelbar vor
ihm stehen. Er senkte den Blick zu Boden, atmete langsam aus und rieb
die Finger der linken Hand nervös aneinander.
"Du weißt nicht, wovon du redest," sagte er schließlich leise, hob
den Kopf wieder, um Tony anzusehen. "Du solltest jetzt gehen. Es ist
Zeit."
Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, dunkel und unheilvoll,
die Leere ausdehnend, die Hilflosigkeit steigernd ins Unermessliche.
Tony wusste nicht, was er erwidern sollte, ob es überhaupt etwas gab,
das er erwidern konnte. Er fühlte den Wall, den Jack um sich gezogen
hatte, die Mauern, die ihm nur kurz gelungen waren einzureißen, und
die sich nun wie ein undurchdringliches Hindernis auftürmten, eine
uneinnehmbare Festung, die den Teil von Jack sicher verschloss, den
er versuchte zu erreichen. Ob es ihm gelang oder nicht, diesen Kampf
gab er niemals auf, würde ihn auch in Zukunft niemals aufgeben,
solange nicht, wie Jack ihn brauchte, wie er ihm, und sei es auch nur
für einen Augenblick, Zutritt zu seinem Inneren, zu seinen Gefühlen,
zu seiner Verzweiflung gewährte.
Diese Momente waren kostbar, und so wie Jack sie brauchte, so
ersehnte Tony sie sich ebenso, verlangte danach, und wusste doch,
wann dieser Wunsch zum Scheitern verurteilt werden musste.
Jede Faser seines Körpers wehrte sich dagegen zu gehen, dagegen Jack
alleine hier zurück zu lassen, und doch wusste Tony nicht, was er tun
sollte.
"Komm mit mir, Jack," brachte er schließlich gepresst hervor. "Es ist
genug. Das alles ist es nicht wert." Er stockte, als er Jacks Augen,
die sich mitleidlos in die Seinen bohrten, mehr spürte, als dass er
sie sah.
"Wir finden einen Ausweg. Es wird einen geben. Salazar... ."
Es gelang ihm Jacks Blick standzuhalten, bis dieser begann zu
flackern, ihm auswich, und sich auf einen Punkt neben ihm, an der
Wand richtete.
"Bitte, Tony, geh!"
Es war mehr ein Flehen, als eine Bitte, und Tony fühlte, wie dünn das
Eis war, auf dem sie sich bewegten, eine zerbrechliche Schicht, nur
noch durch ihrer beider Willensstärke in der Lage, sie von den alles
verschlingenden Tiefen des dunklen Wassers zu trennen, durchzogen von
Spalten und Rissen, durch die das Grauen der Vernichtung nach oben
quoll.
"Nun geh schon," zischte unerwartet eine heisere Stimme. "Geh schon,
du miese Schwuchtel, damit dein Junkie Freund sich einen Schuss
setzen kann."
Jack fuhr herum. Es sah aus, als wollte er sich auf den Gefangenen
stürzen, doch hielt inmitten der Bewegung inne, gefror zur Statue.
"Du solltest wirklich gehen!" Die Stimme glich eher einem Krächzen,
rau und brüchig, dem Geräusch, das nur ein Mensch verursachen konnte,
der am Rande des Abgrundes stand.
Tony starrte auf den, ihm zugewandten, gekrümmten Rücken, die
abfallenden Schultern, den gesenkten Kopf, die Hände, die regungslos
zu beiden Seiten des Körpers herabhingen. Regungslos und doch
angespannt, als wüssten sie, welche unabwendbare Aufgabe ihnen
bevorstand, welch grausame Pflicht sie noch zu erfüllen hatten.
Tony rang nach Luft. Auf einmal konnte er es nicht mehr ertragen,
diese Enge, diese Hütte, diesen Geruch nach Tod und Blut.
Er hatte verloren, hatte schon vor sehr langer Zeit verloren.
Hastig drehte er sich um, stolperte auf dem Weg zur Tür, riss den
Riegel auf, und floh, ohne eine weiteres Wort, ohne sich noch einmal
umzusehen nach draußen.
Die Kälte schlug ihm entgegen, zerrte an seinen Kleidern, trieb ihm
die Tränen in die Augen, und er wusste nur, dass er fort musste, weit
fort, und das so schnell wie möglich.
Er würde auch Carlos und seine Frau abziehen, die beiden hatten hier
nichts verloren, niemand sollte hier sein müssen.
Er zuckte zusammen, als er den Schuss hörte, einen einzigen Schuss,
gedämpft durch den Aufsatz, der das Geräusch verschleiern sollte,
doch dem es nicht gelang es vollständig zu ersticken, und er lief,
lief schneller, rannte, floh von diesem Ort, über den er niemals zu
irgend jemandem sprechen würde, über den er den Mantel des Schweigens
gleiten ließ, erstickend und undurchdringlich.

Jack sank in sich zusammen, umfasste seine Knie mit zitternden
Händen, versuchte ruhig zu atmen und konnte die Schauer doch nicht
unterdrücken, die ihn erschütterten.
War er das nun? Ein Junkie, ein Mörder, ein kaltblütiger Killer, ein
Mann, der zu all den Verbrechen fähig war, aufgrund derer er andere
verfolgte und hinrichtete?
Es gab darauf nur eine Antwort, und nur einen Weg, um diese Antwort
zu ertragen.
Mit bebenden Fingern griff er nach der einzigen Substanz auf der
Erde, die ihm Erlösung bringen konnte. Noch zwei Tage, und Ramon
würde ihn abholen, nur zwei Tage, bis dieser Albtraum durch einen
anderen ersetzt werden würde.

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