Meridian - Kapitel VIII

Meridian

by fightingthecage
übersetzt von cal_listo24
SigridLenz@aol.com



Titel: Meridian, Übersetzung aus dem Englischen, Kapitel VIII
Autor:fightingthecage
Beta-Leser: JessicaWrites
Übersetzung: cal_listo24
Fandom: 24
Pairing: Jack, Tony
Genre: Drama
Zusammenfassung: .... die armen Männer, ich schließe mich der Meinung der Autorin an!
Word Count: 4747
Rating: NC-17
Warnungen: Sprache, non con m/m slash, angst
Anmerkungen: gehört alles 24, kein Geld, etc. ....

Link zum wunderbaren Original von fightingthecage: http://community.livejournal.com/24_fanfic/64586.html


VIII. Türen

Der Mond hatte endlich entschieden sich zu zeigen, lugte hinter der flaumigen Decke einer einsamen Wolke hervor, die über den Himmel gekrochen war, nachdem die Sonne ihre Herrschaft verloren hatte und hinter dem Horizont verschwunden war. Er erleuchtete den Raum mit einem langen Streifen, zog eine reine, silberne Linie genau durch seine Mitte und ließ die Winkel, die er nicht erreichen konnte, noch finsterer erscheinen.

Tony saß in der Ecke, die am weitesten vom Fenster entfernt war, sein Rücken gegen die Wand gelehnt, sein verletzter Arm ruhte schmerzhaft auf dem einen angezogenen Knie. Er hatte nicht geplant hier so zu sitzen, aber er würde niemals einschlafen können, und es gab nichts anderes, das er tun konnte. Also wartete er im Dunkeln, bewegungslos, versuchte alles durch sich hindurch fließen zu lassen, so dass er würde wieder vorwärts gehen können.

So hatte er es lange Zeit gemacht. Es lief besser als gewöhnlich, und dafür war er dankbar, denn er hätte nicht auf dieselbe Weise damit umgehen können, wie er es immer getan hatte. Es hatte zu viele Nächte gegeben, die er nachts wach gelegen hatte, versucht alles in sich einzuschließen, als wollte er den Menschen im Bett neben ihm nicht stören. Tagelanges Herumsitzen und Suchen nach irgendetwas, dass ihn ablenken würde, krank von der unerträglichen Last, die er überallhin mit sich trug, weil sie nicht verschwinden wollte, egal was er auch tat. Er wusste nicht mehr, während wie vieler Albträume er aufgewacht war, um sich geschlagen hatte, mit eiskaltem Schweiß bedeckt, und Michelle... oder gelegentlich Jack... hatte versucht ihn festzuhalten, ihm zu versichern, das es OK war, dass er in Sicherheit war.

Die Zeit und der Umgang mit dem Alltäglichen und Banalen, hatten es leichter gemacht. Sie hatte ihm geholfen, indem sie ihn zurückgenommen, ihm etwas Sicherheit wieder gegeben hatte.
Aber er hatte ihr nie gesagt, dass es die zwei Tage danach gewesen waren, mit Jack, die ihn von dem Schlimmsten befreit hatten. Es gab Dinge, die man nur mit jemandem teilen konnte, der dasselbe durchgemacht hatte. Nicht, dass Jack jemals etwas zugegeben hätte, genau so wenig wie er. Aber sie wussten es beide; ob es durch das Wissen davon, was in Gefängnissen geschah, begründet wurde oder durch eine Laune des Bösen, oder dadurch, dass, wie nach einem ungeschriebenen Gesetz, es niemals irgendein ernsthaftes Zusammensein ohne beiderseitiges Einverständnis gegeben hatte... oder nur, weil sie beide, zu verschiedenen Gelegenheiten, durch die Albträume des anderen aufgewacht waren.

Es hatte eine Zeit gegeben, zu der er gedacht hatte, er würde verrückt werden, denn wenn er noch einmal daran würde denken müssen, sein Gesicht noch einmal bei dem Gedanken rot anlaufen würde, dann würde mit Sicherheit seine Haut wegbrennen. Aber das war nie passiert, und er hatte seinen Verstand während dieser ersten Tage und Nächte in Freiheit behalten können, diese höllischen Tage, die sich in Monate verwandelt hatten. Und der rohe Schmerz hatte sich in Unglauben verwandelt, dass er das alles wirklich durchgestanden haben konnte... and von dort aus in Ärger und Wut auf jeden, der versucht hatte ihm zu helfen. Und dann in Taubheit und die Unfähigkeit sich noch weiter darum Gedanken zu machen, denn es würde nicht verschwinden, ganz egal was er tat, also konnte er genauso gut nachgeben und versuchen es komplett zu ignorieren. Unglücklicherweise hatte die Anstrengung, die damit verbunden war es zu ignorieren, ihn ohne Energie oder Raum für irgendetwas anderes zurück gelassen. Und an diesem Punkt war er sich gewesen, als Jack ihn wieder gefunden hatte, an dem Tag, bevor er gestorben war.

Und jetzt war es das hier. Kein Weinen, keine Unfähigkeit es in seiner Haut auszuhalten, kein rastloses Umherwandern, als ob es möglich wäre die zerschmetternde Erniedrigung zu verjagen, die ihn einmal täglich gequält hatte. Kein Winden, wenn sich die Muskeln an die Schmerzen erinnerten, er hatte nicht länger an seinen Haaren zerren und seinen Körper fest verschließen müssen, wenn er versucht hatte die Qual aus seinem Kopf zu vertreiben. Mittlerweile tat er genau das hier... er saß ruhig und ohne sich zu bewegen, zwang nichts fort, weil er wusste, dass es ihn am Ende doch einholen würde. Er ließ es einfach durch sich hindurch laufen, bis sein Verstand zu müde war um es abzuhalten. Dann verschloss er sich und fühlte es wieder... und danach, konnte er wieder in seine sichere Wirklichkeit zurückkehren.

Die Zeiten, in denen er sich hatte verschließen müssen waren seltener und seltener in diesen Tagen geworden, aber manchmal konnte er sich nicht helfen, für gewöhnlich, wenn ihn etwas unvorbereitet erinnerte. Es war, als ob die Überraschung alles wieder in die vordersten Sphären seines Gehirnes katapultieren würde. Das letzte Mal war es vor acht Monaten geschehen, und die Ursache war unerheblich gewesen. Michelle und er, hatten nach Dannys Kindern gesehen während der Woche, die er im Krankenhaus verbracht hatte. Ein dummes Monopoly Spiel und die Unfähigkeit ein Pasch zu würfeln um aus dem Gefängnis entlassen zu werden, hatten ausgereicht um ein paar Stunden dunkler Erinnerungen auszulösen, die ihn aus dem Nirgendwo angesprungen waren. Michelle hatte es verstanden, er hatte erklärt, dass er es versuchte, aber manchmal würde es einfach passieren... sie hatte seinen Arm gestreichelt, ihm gesagt, dass sie ihn liebte und er hatte ein wenig gelächelt, bevor er in ihr Schlafzimmer gegangen war und sich für eine Weile darin eingeschlossen hatte. Auf diese Art ging es besser, und zumindest hatte er so mit dem Trinken aufhören können. Nach fast zwei Stunden war er herausgekommen, hatte sich OK gefühlt, besser, nun, nachdem er etwas davon hatte über sich hinwegrollen lassen. Er war gegangen, hatte Michelle geküsst, dann Abendessen gekocht, and alles war wieder in Ordnung gewesen. Sie hatte ihn geliebt in dieser Nacht, ihre Art, ihm zu versichern, dass sie da war. Er konnte sich nicht daran erinnern, woran er gedacht hatte, als sie zu Bett gegangen waren, aber er erinnerte sich klar an danach, als er sie gehalten hatte und gefühlt wie schön es war mit ihr zusammen zu sein, während die Erinnerungen daran, wie Jack ihn an einem anderen, ähnlichen Tag, gehalten hatte, seine Gedanken füllten. Das war nach seinem Besuch in Süd Mexiko gewesen und er hatte es nicht für seltsam erachtet an Jack zu denken. Das hatte er damals nie so empfunden.
Er konnte nichts in diesem Zimmer, in dieser Nacht hören, und darüber war er nicht erstaunt. Der Schmerz in seinem Arm störte ihn nicht, er fühlte ihn kaum, und das war in Ordnung so. Das war kein Monopoly Spiel. Er verspürte ein vages und entferntes Gefühl von Neugierde, darüber, dass er überhaupt in der Lage war ruhig dazusitzen, denn, so wie sein Magen sich verzog und seine Brust sich verengte, hätte er zumindest weinen müssen. Aber er wusste, dass er das nicht tun würde, denn er würde es niemals wieder tun. Er war fertig damit um sich zu weinen.

Er hatte nicht oft geschrien, aber es war schwierig, da sicher zu gehen, denn in seinen Träumen war es alles, das er hörte. Es war auch, was er jetzt hörte, während er im Dunkeln auf dem staubigen Boden saß, versuchte sich selbst daran zu erinnern, dass das hier ein anderer Ort war und das niemand darauf wartete ihn anzugreifen. Er zwang sich seine Augen offen zu halten, nicht dorthin zu gehen, zu sehen, dass er sicher war. Er wusste, wenn er die Augen schließen würde, dann würde wieder die Tür mit diesem hallenden Laut zufallen, der Klang von Stahl gegen Stahl, der ein Echo durch die leeren Gänge warf, die oberflächlich betrachtet nach Desinfektionsmittel stanken, aber einen ständigen verschwitzten Unterton behielten, ein Nachweis für die Anwesenheit von zu vielen Männern, auf engem Raum zusammengepfercht. Viermal pro Tag waren die Türen zu gerasselt, war ihm dieser Laut durch Mark und Bein gefahren, siebenhundertundsechsundsiebzig Mal während seines Aufenthaltes, ihn einschließend oder hinauslassend, immer mit diesem Geräusch... es war beinahe schlimmer, wenn sie ihn am Morgen heraus ließen und hinter ihm zuschlugen, denn der Laut brachte immer wieder die Erinnerungen daran zurück, wie sie in der Nacht zuvor geschlossen worden waren, und die Nächte waren es, die er am verzweifelsten zu vergessen suchte. Wenn er die Tür hörte, blieben sie auch während des Tageslichts bei ihm, solange bis sie immer da war, die Angst, die ihn jagte, ganz egal wie sehr er auch versuchte so zu tun, als gäbe es sie nicht.

Er hatte schnell gelernt, dass es keine gute Idee war Angst zu zeigen. Davor hatte er nie viel von der weitverbreiteten Ansicht gehalten, dass Tiere sie riechen könnten - jetzt wusste er, dass sie es konnten. Als er es gelernt hatte sie ein einem sterilen Kasten zu verschließen, von wo aus sie nirgends aus ihm hervorschimmern konnte, das war der Zeitpunkt, an dem er begann sie bei anderen zu bemerken... bei den Jugendlichen, die ihre erste Nacht hier waren, die hinter ihm in den Speisesaal gingen, mit unbeweglichen Gesichtern und Gesten, die mutig wirken sollten... Köpfe bewegten sich in ihre Richtung, beobachteten sie, während sie vorbeikamen. Er hatte sich selbst mehr als einmal dabei ertappt, denn der Hauch von kaum zu kontrollierender Panik, der aus ihren Poren aufstieg, war auffälliger als jedes Zusammenkauern in einer Ecke es gewesen wäre. Er ging in Wellen von ihnen aus, brandmarkte sie als Opfer und manchmal verbrachte er Stunden damit sich zu fragen, ob er dasselbe Leuchtfeuer ausgesendet hatte. Und wenn, waren sie deshalb zu ihm gekommen?

Er wusste, dass er es getan hatte. Er wusste, er hatte Angst gehabt. Er wusste, ganz egal wie gut er ausgebildet gewesen war, egal wie gut mit seinen Fäusten... er hatte sich gefürchtet. Und sie hatten es erkannt und ihn gekennzeichnet. Und mit diesem Wissen kam die Scham, denn wenn er stärker gewesen wäre, dann hätten sie ihn nicht angerührt.

Es spielte keine Rolle wie dumm das schien. Es spielte keine Rolle wie oft er sich schon gesagt hatte, dass, wäre er stark gewesen, er für sie eine Herausforderung gewesen wäre, ihn zu brechen. Das war nichts, das er kontrollieren konnte. So sicher wie er seinen eigenen Namen kannte, so sicher wusste er, dass er hätte vorbereitet sein müssen, dass er hätte wissen müssen, was zu tun gewesen wäre. Er hätte es schneller lernen sollen, die Angst dort zu verstecken, wo sie ihm nichts anhaben konnte. Und dieses Wissen war es, das ihn in den Nächten wach hielt, das sich immer wieder in ihm aufbaute, ein stetiges Anwachsen von Angst und Scham in seinen Muskeln, das ihn zwang sich immer wieder zurückzuziehen, sich einzuschließen und es herauslassen, bis er wieder in der Lage war, mit seinem Leben weiterzumachen. Normalerweise gab ihm das ein paar Tage, ein wenig Zeit gesegneter Freiheit, bevor etwas passierte, dass ihn erinnerte, das die Entwicklung von Neuem in Gang setzte, in ihm anstieg, ihn erstarren ließ, bevor es dann am Ende zu viel wurde, er aufgeben musste und dem Druck nachgeben.

Er war sich des leisen Ticken der Zeiger seiner Armbanduhr bewusst, die unbarmherzig die Stunden zählten, die sich endlos ausdehnten. Das siebenundsechzigste Klicken und er war schon am Kämpfen, verfluchte sich selbst... normalerweise schaffte er es wenigstens zwei Stunden, bevor er klein beigab und seine Augen schloss. Das war die Herausforderung, die er sich selbst gestellt hatte, denn zu Beginn, hatten sich seine Augen in der Sekunde geschlossen, in der er nachgegeben hatte, er hatte es kaum geschafft die Schlafzimmertür zu schließen, bevor er zusammengebrochen und zu diesem Ort in seinem Kopf zurückgekehrt war. Über zwei Jahre später hatte er seinen Widerstand verstärkt, zwei Stunden und siebenundzwanzig Minuten war sein Rekord. Er hoffte vage, er würde jedes Jahr eine weitere Stunde hinzufügen können, solange bis es überhaupt nicht mehr geschehen würde.

Aber heute war es anders. Er kämpfte darum, nicht dorthin gehen zu müssen, aber er kämpfte auch dagegen an hier zu bleiben. Denn, auch wenn das Zimmer still war und es hier keine Gitter gab, keine wachsam um sich blickenden Männer, kein Geruch nach Desinfektionsmittel, keine entfernten Schreie gejagter Tiere, die durchlitten, was er durchlitt.... wenn er seine Augen geöffnet hielt, dann war da Jack, der ihm geholfen hatte das durchzustehen, der ihm geholfen hatte zu sehen, dass es möglich war auch im Nachhinein noch derselbe zu sein... Jack war in diesem mondlichtdurchfluteten Zimmer, stieß es ihm wieder entgegen, sagte ihm, dass es eigentlich nicht stimmte, dass er gelogen hatte. Es war nicht möglich so etwas hinter sich lassen, einmal ein Bastard, immer ein Bastard, und dass ein Teil von Jack ihn immer so sehen würde. Denn wenn er das nicht täte, wie hätte er dann so etwas zu ihm sagen können?

Die ganze Zeit, die sie im Bett verbracht hatten. All die Dinge, die sie miteinander getan hatten. All die Berührungen und der Sex, hart und weich, sanft und rauh... hatte Jack in all dieser Zeit auf ihn herabgesehen, hatte ihn auf den Knien gesehen in seiner Gefängnisuniform? Wenn er hinter ihm gestanden hatte, in seinen Nacken geatmet, ihn festgehalten, hatte er dann den Mann gesehen, der vorher dort gestanden hatte, in dieser Position, während andere zugesehen und gelacht hatten, in sein Gesicht gespuckt, während er gewaltsam genommen worden war?

Klick. Achtundsechzig. Seine Augen blinkten und flatterten, suchten nach etwas in der Dunkelheit, das ihn retten konnte. Aber da war nur Jack, und das war schlimmer.

Er ließ seinen Kopf zurückfallen, bis er an der Wand lehnte. Das tat er immer, bevor er aufgab. Es war nichts zu sehen an der Decke, sie war leer und Jacks Stimme wurde lauter,

(Ich bin keine deiner verdammten Gefängnishuren, Tony...)

Er schloss seine Augen und hörte wieder die Türen zuschlagen. Jacks Stimme verging bis sie von seinen eigenen, jahrealten Schreien ersetzt wurde und er war froh darum, denn alles war besser als diese Worte zu hören.

* * * * *

Er konnte seine Beine nicht mehr spüren und das war gut so. Wenigstens war ein Teil von ihm ruhig. Im unteren Bereich seines Rückens gab es eine Stelle, die begann weh zu tun, denn sie rieb sich an der Seite des Bootes, und das mochte er auch, denn er wollte leiden. Er wusste, dass Tony es tat.

Er kauerte auf seinen Füßen, sie waren flach auf das Deck gepresst, und in dieser Haltung befand er sich seit über einer Stunde, die Arme um seine Beine geschlungen, eng gegen die Brust gedrückt, verletzte und schmerzende Hände um die Knöchel geklammert, während sein Gesicht auf den Knien ruhte. Nicht so bequem, wie einfach nur da zu sitzen, aber auf eine gewisse Art beruhigend, er hatte das als Junge getan, wenn er weggelaufen war, um sich zu verstecken, nachdem er etwas angestellt hatte.

Mondlicht schien auf das Etikett der Whiskeyflasche, es schien vor ihm zu schweben. Er starrte es mit einem Auge misstrauisch an, sah es nicht wirklich, dachte nicht wirklich daran. Es hatte keine Bedeutung, denn er hatte keine Ahnung wie sich das würde in Ordnung bringen lassen. Er wusste nur, dass er jetzt haben konnte, was er gewollt hatte, es würde leicht sein, alleine gelassen zu werden. Und dennoch, der Gedanke daran, was Tony durchmachte, presste seinen Magen auf eine Weise zusammen, die stärker schmerzte, als der Entzug es getan hatte. Es zwickte und würgte in ihm, und deshalb hatte er sich so eng wie möglich zusammengerollt und versuchte es zu erdrücken. Er wusste nicht, was er sonst tun konnte.

Er hatte sich geirrt. Er konnte es sehen. Wenn Tony ihn benutzt hätte, wenn er nur etwas Spaß für ihn bedeutet hätte, dann wäre er nicht so verletzt gewesen. Sein Gesicht wäre nicht so vollkommen auseinandergefallen, er wäre nicht so weiß geworden. Er wäre einfach ausgerastet und hätte ihn geschlagen, so wie er es bei jedem anderen getan hätte, der das zu ihm gesagt hätte. Er wusste, warum Tony es nicht getan hatte, er konnte sehen, warum er sich zurückgehalten hatte. Er hatte ihn zu tief verletzt - und Tony wollte ihn nicht auch verletzen. Nicht physisch. Ein Schlag in seine Zähne würde keinen Schaden anrichten, würde niemals dem Schmerz gleichkommen können, den er gefühlt hatte. So hatte er mit Worten zurückgeschlagen, und Jack verfluchte sich, weil er sich so gründlich geirrt hatte. Und es war noch schlimmer, denn er hatte sich schon vor Monaten geirrt, als es ihm zum ersten Mal gelungen war, sich davon zu überzeugen, dass er Tony gleichgültig wäre.

Er ließ die Gedanken wandern, denn er hatte für nichts mehr eine Antwort, und so konnte er genauso gut alles rekapitulieren. Aber er konnte dem nicht entkommen, das ihn umbrachte, den Worten, die er gesagt hatte. Von allen Dingen mit denen er hätte zuschlagen können, warum hatte es das sein müssen, von allen Dingen? Er wusste genau wie viel Schaden er anrichten würde, er hatte Tony gesehen, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war. Hatte ihn beobachtet, wie er aus dem Taxi gestiegen war, die Art aufgenommen, wie er sich bewegt hatte, als er die Stufen zu seinem Stadthaus hinaufgestiegen war. Hatte ihn erst läuten lassen, bevor er gekommen war um die Tür zu öffnen, denn er hatte gewusst, dass er ein überschwengliches Willkommen nicht würde ertragen können. Er hatte gewusst, so sehr er ihn auch packen und sich versichern wollte, dass er OK war, dass er sich dadurch nur unwohl fühlen würde, als wäre er eine Art Invalide. Also hatte er ihn ein paar Sekunden warten lassen, erleichtert, dass er ihn nicht bevormundet und ihm einen Wagen zum Flughafen geschickt hatte, warm gelächelt und seine Hand geschüttelt, mehr nicht. Er hatte gewusst, dass die Möglichkeit bestand, dass Tony ihm während dieses Besuches überhaupt nicht erlauben würde ihn zu berühren.
Es war komisch gewesen. Er war ruhig, so wie er es erwartet hatte, und seine Augen waren älter. Sie hatten zu Abend gegessen und ein wenig darüber gesprochen, wie es war im Ministerium zu arbeiten, wie es Michelle ging, was in LA los war. Er hatte sich gezwungen nicht ständig mit den Augen sein Gesicht zu durchforsten, hatte sicher gestellt, dass er jedesmal, wenn er eine Spur des Schmerzes in ihm entdeckte, verborgen hatte, dass er dasselbe spürte. Tony hatte darauf bestanden, den Tisch nach dem Essen abzuräumen, also war er gegangen, um ein paar Drinks zu holen. Nach ein paar Minuten war kein Laut mehr aus der Küche zu hören gewesen, und er hatte angefangen sich zu sorgen, war gegangen um nach ihm zu sehen und hatte ihn dastehen sehen, ins Leere starrend. Eine Berührung an seinem Arm hatte ihn zurückgebracht, hatte Tränen in seine Augen treten lassen und er hatte ihn festhalten dürfen, endlich. Lange Zeit hatte er dort in der Küche gestanden, die Arme um ihn geschlungen, ohne Worte, ohne dass etwas gesagt worden war. So wie es immer gewesen zu sein schien.

Er war so behutsam gewesen, wie es ihm nur möglich gewesen war, hatte Tony tun lassen, was auch immer er gewollt hatte, hatte versucht ihm zu zeigen, dass es OK war, dass es einen Weg gab mit jemandem zusammen zu sein und nicht verletzt zu werden. Es schien funktioniert zu haben, denn sie hatten sich das ganze Wochenende nicht los gelassen, und es war das erste Mal gewesen, dass er sich erlaubt hatte zuzugeben, dass es mehr war, als nur Sex. Er hatte immer gewusst, dass es mehr war, mit ihm hatte es sich immer angefühlt, als würde ein emotionaler Riss gekittet werden und der Akt an sich war nur die physische Manifestation davon... aber an diesem Wochenende, hatte er es zugelassen zum ersten Mal auf eine andere Art Freude zu empfinden. Er hatte ihn danach gehalten, wollte ihn beschützen, wollte alles wieder besser machen. Er konnte es nicht ertragen, dass er litt. Es hatte sie auf eine subtile Art verändert... aber wenn er ehrlich war, die Veränderung war schon seit einer Weile im Gange, denn hatte Tony nicht etwas Ähnliches getan, nach Kolumbien? Zu dieser Zeit hatte er es nicht bemerkt, er war die meiste Zeit high gewesen oder vollkommen neben sich, wenn er nicht unter Drogen stand... aber jetzt konnte er zurücksehen und Tony war immer da gewesen.

Heute hatte er das erste Mal davon gesprochen. Obwohl er in manchen Nächten, in denen die Albträume schlimm gewesen waren, ihn in die Wirklichkeit zurückgeholt hatte, während er geschwitzt hatte und um sich geschlagen. Er hatte ihn festgehalten, wenn er von Erinnerungen geschüttelt worden war, und doch... Tony hatte nie erkennen lassen, dass er es wusste.

Jack presste seine Augen zusammen, ein Schauder kroch seinen Körper hinauf. Er umarmte seine Beine stärker, in dem Versuch die plötzliche Erkenntnis auszublenden - wie hatte er das vorher nur nie wahrnehmen können? Er wusste, dass Tony wusste, es immer gewusst hatte, also warum war ihm jetzt übel, wo es offen dar lag? Er fühlte sein Gesicht rot werden und Wellen der Scham schlugen über ihm zusammen. Es war nicht mehr als er verdient hatte, er hatte ja genau dasselbe getan. Er hatte Tony nie erzählt, dass er über die Zeit im Gefängnis Bescheid wusste, hatte nie zugegeben, dass er die Berichte aus der Klinik gesehen hatte, die gezeigt hatten wie schlimm es für ihn gewesen sein musste. Aber dennoch... eine Stimme aus der Vergangenheit kicherte leise in seinem Kopf und plötzlich war sie alles, das er hören konnte. Was hatte er ihm gesagt? Dass er nichts war, dass er zu nichts gut war,

(wertloses Stück Junkie - Scheiße...)

und nach dem, was er heute gesagt hatte...gut, da war es die Wahrheit, oder?

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Da ist Atem an seinem Ohr, und er fühlt sich an, als würde er brennen. Unverständliche Worte durchdringen den Nebel, durchschlagen sein Trommelfell, obwohl sie leise sind und nur für ihn bestimmt. Er erkennte den Dialekt nicht, aber versteht die Bedeutung und hasst es, wenn sie verstummen, weil sie dann durch weiche, feuchte Lippen ersetzt werden, triefend vor Lust, an seinem kalten Nacken saugend, grunzend wie ein brünftiges Tier, verzweifelt, und Zähne, die sich an ihn klammern, ihn im Augenblick festhalten, ihm nicht erlauben fort zu treiben.

Da ist Druck in seinem Nacken und es fühlt sich an, als würde er zerspringen. Weil seine Hüften hochgezogen worden sind und ein schweres Gewicht auf seinem Rücken lastet, ihn hinunter presst, eine Seite seines Gesichtes in ein Kissen gedrückt, so dass er halb blind ist - die andere kann nichts erkennen, mit Ausnahme der dunklen Gestalt, die ihn besitzt - vollkommen. Er vermindert den Druck, indem er sich auf den Arm neben seinem Kopf stützt, etwas von dem Gewicht übernimmt, das sich auf ihm bewegt, sein Bestes unternimmt um ihn in die Matratze zu stoßen. Er ist ein Besitz, ein Eigentum, ein Stück Abfall und es gibt nichts, das er tun kann, und die Welt existiert nicht mehr. Alles besteht aus diesem Schmerz, aus diesem Feuer, dass seinen Rücken aufreißt, diesem Schmerz in seinem Nacken, diesem Schweiß, der in einem Bach sein Gesicht hinunterläuft, den Tränen, die einen Ozean füllen könnten, dem Strom an seinem Hals, verursacht von diesen Lippen, die nicht weggehen werden. Diese Hitze, diese Welt, dieses Leben.

Das Grunzen wird lauter, das Tempo schneller, der Schmerz stärker. Aber er ist hart, so hart, er kann sich nicht helfen. Das Reiben des Fleisches, das ihn besitzt, betrügt ihn, und er ist voll, auf jede Art auf die er es seien kann. Die Worte sind zurück, Lippen an seinem Ohr, heiße, stammelnde Worte fallen, werden verschüttet, füllen ihn wieder, Spanisch, Englisch, Portugiesisch, werden lauter, werden zu einem Brüllen, Komm schon, du verdammte Nutte... komm schon, komm schon Jack, du Stück Scheiße, du wirst für mich kommen, du verdammte Hure... und da ist Druck auf seiner Härte, er kann nicht viel fühlen, weil es weh tut, weil es so weh tut und es ihn alles kostet nicht zu schreien, aber der andere, er wird nicht still sein, sein Grunzen füllt den Raum und ein Teil von ihm weiß, dass sie es hören kann, drei Zimmer entfernt, sie wird es hören, wird hören wie er vergewaltigt wird, hören, dass er ein Nichts ist, hören, dass er besessen wird und er ist entschlossen, dass sie nicht hören wird wie er kommt. Nutte... Nutte... du bist nichts als eine verdammte Hure, meine verdammte Hure...

Er schreit in seinem Wahnsinn besessen zu sein, die Welt wird es hören können, und die Erniedrigung ist schlimmer als alles andere, sein Gesicht brennt davon, sein Rücken schmerzt davon, jede Träne ist Feuer, das sein Gesicht hinunterläuft, aber er kann die Hand fühlen, die ihn wütend pumpt und plötzlich weiß er, dass es wahr ist, er weiß, er ist nichts anderes als eine Nutte, der Beweis ist genau hier, sprüht über seinen Bauch, klebrige Strahlen weißer Flüssigkeit bedeckten ihn, wurden von einer rauhen Hand mit Wonne auf ihm verschmiert, und ein tiefes Lachen, bevor es in einem Strom verstümmelten Spanischs erstickt wird, als die Muskeln sich im Orgasmus heftig zusammenziehen. Aber er ist noch nicht zufrieden, denn da ist noch kein Laut von seinem Opfer zu hören, und das ist noch nicht gut genug. So klammern sich, gerade während er kommt, Zähne um das weiche Ohrläppchen und beißen zu bis der Schrei zu hören ist... da ist der zufriedene Kollaps und die Tränen sind schlimmer, weil sie es gehört haben wird, und gedacht, dass es ein Schrei freiwilliger Erleichterung wäre. Sie wird denken, dass er es wollte. Sie wird wissen was er ist, und ganz egal wie oft er sie im Bett ihres Liebhabers ficken würde, nichts könnte jetzt noch etwas daran ändern.

Er liegt da, bewegungslos, nicht einmal dazu in der Lage froh darüber zu sein, dass es vorbei ist. Denn jetzt muss er mit den Nachwirkungen leben, und die Morgendämmerung ist noch Stunden entfernt. Die dunkle Gestalt kichert zwischen den schweren Atemzügen und rollt zu ihm herüber. Wieder die Lippen, zurück an seinem Ohr, langsam leckend und bedächtig das Blut schmeckend, das hervorquillt, bevor sie wispern, so, dass diesmal nur er es hören kann. Das mochtest du, hm? Eine verdammte Nutte Jack, das ist alles, was du bist. Wer mag es vergewaltigt zu werden? Ich habe dich gerade vergewaltigt, und du bist für mich gekommen. Und du wirst es wieder tun...

Alles, das er denken kann ist, warum konnte er das nicht laut sagen? Warum konnte er der Welt nicht erzählen, dass er ein Vergewaltiger ist? Dann wäre es leichter. Aber nein, nichts ist einfach.

Und um alles andere zu übertrumpfen, hatte er es hier getan. In diesem Bett. Die Gestalt steht auf, zieht sich an, die Augen wachsam und schwarz, starren auf ihn hinunter, bewundern ihr Werk, zufrieden mit sich. Bevor sie geht, fährt sie mit besitzergreifender Hand die goldene Haut entlang, schmeckt den Schweiß, der langsam im Begriff ist zu trocknen, trotz der Hitze in dem Zimmer. Und dann verschwindet sie, nur, dass sie nie wirklich gegangen sein wird. Sie markiert seine Haut und ihr Geruch haftet an den Laken. Eingebrannt in seine Seele. Und ganz egal wie lange er hier schläft, der Geist wird immer in diesem Bett sein und er wird immer darauf warten, dass er zurückkehrt. Es wird keinen Aufschub geben, keine Einsamkeit, keinen Frieden. Jemals. Niemals.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Er hatte nicht mehr geweint, seitdem Tony ihn das letzte Mal verlassen hatte, aber jetzt konnte er es nicht aufhalten. Er schaukelte leicht auf seinen Fersen, jede Träne brannte wieder und erinnerte ihn an dieses erste Mal, denn damals hatten sie auch gebrannt. Und er erkannte, als das Wasser auf seine Beine tropfte und in der sanften Nachtbrise erkaltete, dass Ramons Gesicht nicht das Einzige war, das ihn dieses Mal verfolgte, obwohl es das in der Vergangenheit immer gewesen war. Nein... heute Nacht war es der Ausdruck auf Tonys Gesicht, als er vor ihm zurückgeschreckt war, dieser Mann, der immer für ihn da gewesen war, der ihm mehr als einmal das Leben gerettet hatte... und er hatte diesen Ausdruck verursacht, weil er zu verstockt gewesen war, um einfach seinen Mund aufzumachen und zu reden. Und wenn es jemals einen Beweis dafür gegeben hatte, dass er nichts wert war, dann hatte er sich heute Nacht gezeigt, denn er hatte sich selbst an diesem Wochenende in Washington versprochen, dass er auf Tony aufpassen würde, und jetzt hatte er das Versprechen gebrochen. Er hatte das Vertrauen ruiniert, das Jahre benötigt hatte um aufgebaut zu werden, und es wäre zu viel zu hoffen, dass er es jemals wieder bekommen könnte.

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