Im Bett mit dem Feind

Im Bett mit dem Feind

von callisto24
cal_listo24@yahoo.de



Fandom: 24
Charaktere: Kim, Barry, Mandy, Jack wird erwähnt!
Kategorie: Drama, f/f slash
Thema: nach Season 5, SPOILERWARNUNG!
Word Count: 5164
Rating: R
Anmerkungen: gehört alles 24, kein Geld, etc. ....
Archivieren: Immer gerne!
Da offensichtlich ein bedenklicher Mangel an f/f slash besteht, und
ich immer und überall bereit bin für ausgeleichende Gerechtigkeit zu
sorgen, war ich so frei Kim und Mandy zu verkuppeln. So wie es
scheint ist auch das 24 Fandom recht unbekannt, daher eine kurze
Charaktererklärung. Kim ist Jack Bauers, manchmal etwas nervige
Tochter und Mandy eine wiederkehrende Figur der Serie, eine Art
skrupellose Söldnerin, die ihm hin und wieder das Leben schwer macht.
(Allerdings nicht so schwer wie Kim!) Die Darstellerin der Mandy ist
regelmäßig in L-Word zu sehen, und da mich das einfach zu sehr
verwirrt hat, musste ich die Charaktere etwas mischen, für den
eigenen Seelenfrieden!


"Ich sage ja gar nicht, dass du ihm verzeihen sollst. Dein Ärger und
deine Wut sind absolut nachvollziehbar. Du darfst dir jedes Recht
zugestehen ihn zu hassen, das ist ein starkes und wichtiges Gefühl."
"Ach hör doch auf mit diesem Psycho - Kram! Das habe ich jetzt, weiß
Gott, oft genug gehört, und wohin hat es mich gebracht?"
Ärgerlich und mehr um sich abzulenken, brach sie ein Stück von dem
Weißbrot ab, das geschmackvoll zwischen ihnen auf dem Tisch
angerichtet war.
"Es gibt nur noch eines, das du lernen solltest." Er legte seine Hand
auf die Ihre und versuchte sie beruhigend zu tätscheln, doch im
Bruchteil einer Sekunde hatte sie sich ihm entzogen.
"Und was sollte das wohl sein," entgegnete sie schnippisch.
"Lerne dich zu akzeptieren, was dir nicht schwer fallen dürfte,
schließlich bist du ein wunder barer Mensch, und ich muss das wissen."
Barry lächelte selbstsicher, während er sich zurücklehnte und sein
Glas Wein umfasste, es schräg gegen das Licht hielt, und den satten
roten Glanz des Getränkes betrachtete. Kim verabscheute ihn, wenn er
das tat, wenn er sich mit der Aura des weltgewandten Intellektuellen
umgab, dessen Manieren und Umgangsformen perfekt waren, und neben dem
sie sich wie ein Trampel vorkam, zu jung, zu unsicher, um in diesem
Umfeld bestehen zu können, ohne abschätzige Blicke auf sich zu
ziehen.
Wieder einmal war es nach seinem Willen gegangen, hatten sie sich ,
besser gesagt, hatte er sich für ein elegantes, französisches
Restaurant entschieden, obwohl ihr, wie er sehr wohl wusste, ein
nettes kleines italienisches Lokal, mit karierten Tischdecken und
tropfenden Kerzen erheblich lieber gewesen wäre. Unerschütterlich
fuhr er in seinem Monolog fort.
"Akzeptanz ist das Schlüsselwort. Sieh ihn als den Menschen, der er
ist, und dann lass los. Nur so werdet ihr beide euren Frieden
finden."
"Ich kann das nicht mehr ertragen," riss Kim schließlich der
Geduldsfaden. Etwas zu abrupt sprang sie auf, ihre Limonade kippelte
einen Moment, bevor das Glas umstürzte und die orange Flüssigkeit
sich über die Tischdecke ergoss. Auch eine ihrer Vorlieben, die Barry
stets bemüht war, ihr abzugewöhnen. `Erwachsene trinken nun mal
nichts Süßes. Der Mensch muss sich weiterentwickeln' waren beliebte
Äußerungen von ihm, wenn die Wahl der Getränke zur Sprache kam. Aber
das hatte sich nun wohl fürs erste erledigt.
Wütend, nicht zuletzt auf sich selbst, weil sie es, wie so oft in
letzter Zeit, nicht verhindern konnte, dass ihr die Tränen in die
Augen stiegen, wirbelte sie herum und versuchte sich einen Weg
zwischen den Tischen zu bahnen, ohne noch mehr Unheil anzurichten.
Eine starke Hand umklammerte ihr Gelenk, Barry drehte sie zu sich, so
dass sie ihn ansehen musste und zischte leise: "Du brüskierst mich
hier. Ich werde das nicht dulden."
"Ist ja schon gut," schnappte sie zurück, wand sich geschickt aus
seinem Griff. Immerhin wusste sie sich noch zu wehren. Sie würde sich
von niemandem anfassen lassen, solange sie nicht dazu bereit war.
Erhobenen Hauptes kehrte sie zu ihrem Platz zurück.
Ihr Blick streifte im Vorübergehen die Erscheinung einer jungen Frau,
deren ungewöhnlich hell leuchtende Augen einen faszinierenden
Kontrast zu der dunklen Haarpracht bildeten, die sie locker
hochgesteckt trug.
Den Kellnern war es gelungen, innerhalb dieses Augenblickes die
Tischdecken zu wechseln und ihr Gedeck zu ersetzen. Barry rückte ihr
den Stuhl zurecht, mühelos wieder in die Rolle des perfekten
Gentlemans schlüpfend.
"Sieh mal," versuchte sie zu erklären. "Ich kann mich mit all dem
nicht auseinander setzen, solange ich nicht weiß, wie die Sache
ausgehen wird. Wie ich ihn behandelt, dafür, was ich gesagt habe,
werde ich mich immer schuldig fühlen, solange bis... ." Sie zögerte
und fuhr fort. "Aber ich kann ihm auch nicht verzeihen, nach den
Dingen, die er mir zugemutet hat, die er mir auch jetzt wieder
zumutet. Die Ungewissheit ist bei weitem schlimmer, als ihn tot zu
glauben. Und dazu kommt noch, dass ich mittlerweile nicht mehr weiß,
was ich glauben soll. Vielleicht ist das alles auch nur wieder ein
abgekartetes Spiel auf unsere Kosten, ein verrückter Plan, den er im
Geheimen ausgeheckt hat, um sich selbst in die größten
Schwierigkeiten zu katapultieren."
Sie lachte bitter, ließ ihre Augen im Raum umher wandern, nur um
Barry nicht ansehen zu müssen, der ganz untypisch für ihn,
Zurückhaltung zeigte und ihr nicht ins Wort fiel. Im Gegenteil, er
schwieg, und sie genoss den Moment der Ruhe, fand sich unerwartet in
Blickkontakt mit derselben Frau, die ihr vorhin bereits aufgefallen
war. Deren Augen leuchteten in einem nicht genau zu bestimmenden
Farbton, einer faszinierenden Mischung aus grün und blau, am ehesten
noch mit Türkis zu beschreiben, einem strahlenden Türkis, ähnlich
wie... , ja, ähnlich der Augenfarbe ihres Vaters, wenn sie das Licht
auf eine ganz bestimmte Art reflektierten.
Verwirrt senkte sie den Kopf, schob, unangenehm berührt, ihr Besteck
zur Seite. Konnte sie denn nur noch an Jack denken? Würde er sie
immer verfolgen, egal, was sie auch unternahm um ihn loszuwerden? Sie
seufzte, spürte diesen Blick auf sich ruhen, diesen Blick, der sie
auch quälte, wenn sie ihre Augen geschlossen hielt.
"Madame, Monsieur - s'il vous plait!" Geschickt servierten die
Kellner in beinahe parallelen Bewegungen ihre Speisen, vergewisserten
sich höflich, ob alles zu ihrer Zufriedenheit verlief und zogen sich
dann diskret zurück. Natürlich war das Essen exquisit, Kim merkte,
dass sie nun doch Appetit hatte. Es hatte schließlich auch keinen
Sinn sich mit Dingen zu quälen, die doch nicht zu ändern waren.

* * *

Noch niemals hatte sie einen schöneren Menschen zu Gesicht bekommen.
Der Körper - perfekt in seinen weichen Kurven, die Haare - wie
flüssiges Gold, das ihren Rücken hinunterfloss und die Augen
ausdrucksstark, voller überströmender Emotionen, spiegelten Wut,
Trauer, Unsicherheit, ebenso wie Überheblichkeit, eine Arroganz, die,
wie sie wusste, zumeist in erster Linie einen Selbstschutz
darstellte. Auch wenn sie nicht wegen ihr hier gewesen wäre, ihre
Erscheinung hätte sich überall und zu jeder Zeit in ihre Erinnerungen
eingebrannt, den Wunsch in ihr geweckt, sie wieder zu sehen.
Der Mann, der ihr gegenüber saß, war ein Snob, einer von der Sorte,
die ihr bereits unzählige Male in ihrem jungen Leben begegnet waren,
zu oft, um nicht tief in sich zu wissen, dass, wenngleich sie
äußerlich jung erscheinen mochte, ihre Seele doch die einer uralten
Frau war, einer Frau, die bereits zu viel gesehen, zu viel erlebt, zu
viel getan hatte, auf das niemand stolz sein konnte. Und
selbstverständlich kannte sie ihre Wirkung auf andere Menschen,
Menschen beiderlei Geschlechts ließen sich von ihr problemlos
bezaubern und manipulieren.
Doch nun hatte sie ein neues Ziel im Visier.
Wer diese Frau war, das hatte sie schon Zeit erfahren. Wer sie
wirklich war, das würde sie bald herausbekommen.

* * *

"Hey!"
"Hey," antwortete Kim automatisch und sah von ihrem Buch auf, in das
sie sich während der Mittagspause vertieft hatte. Das Wetter war
einfach zu schön, um die Zeit in der stickigen Kantine zu verbringen,
weshalb sie sich für einen kleinen Ausflug in den Park entschieden
hatte, um ein wenig abschalten zu können.
"Kennen wir uns nicht?"
Kim legte ihre Hand über die Augen und versuchte gegen die Sonne zu
blinzeln. Irgendetwas schien ihr vertraut.
"Im Restaurant, vor ein paar Tagen. Du warst mit deinem Vater dort."
Kim verzog den Mund und schüttelte den Kopf. "Das war nicht mein
Vater."
"Ach entschuldige!"
Die junge Frau trat einen Schritt zur Seite, so dass sie im Schatten
eines ausladenden Ahorns besser zu sehen war und Kim fiel es mit
einem Mal wieder ein. Diese Augen hätte sie unter Millionen
wiedererkannt. Ein leichtes Erröten stieg in ihre Wangen und sie
versuchte es hastig mit ihrem Buch zu verbergen.
"Hi!" Die andere streckte ihr unkompliziert die Hand entgegen, die
Kim zaghaft ergriff und lächelte freundlich. "Ich bin Mandy. Darf ich
dann fragen, mit wem du dort warst?"
Kim erinnerte sich an die kleine Vorstellung, die sie geboten hatte,
und murmelte verlegen: "Das ist ein kompliziertes Thema!"
Mandy nickte und setzte sich neben sie. "Den Eindruck hatte ich auch,
und wenn ich das sagen darf... ," sie zögerte einen Moment, "... ich
habe mich ohnehin gefragt, was eine so hübsche Frau an einem doch
erheblich älteren Mann zu finden vermag."
Kim konnte nicht anders, als in sich hinein zu grinsen. "Barry ist
schon in Ordnung. Wir haben nur manchmal... Differenzen."
"Manchmal soll etwas auch nicht sein."
Kim blickte überrascht auf. "Das ist sicher richtig." Sie verstummte,
peinlich berührt, und fand sich gefangen im Blick dieser
hypnotisierenden Augen, die sich beinahe beschwörend in die Ihren
bohrten. Ihr Versuch, sich aus diesem Bann zu befreien, fiel in sich
zusammen, als Mandy eine zarte und zugleich kräftige Hand auf die
Ihre legte und sich zu ihr neigte.
"Ich würde dich gerne wiedersehen. Sag mir nur wann!"
"Ich weiß nicht," stammelte Kim. "Warum solltest du das wollen?"
Mandy schwieg einen Moment, dann zwinkerte sie ihr mit einem Mal
aufmunternd zu, legte den hübschen Kopf schief, so dass ihre langen,
samtenen Haare seitwärts glitten. "Was meinst du, warum?"
Kim fühlte wieder das Blut in ihr Gesicht steigen, und verfluchte
sich dafür. Was war nur los mit ihr, kein Mann hatte es jemals
geschafft, sie derart in Verlegenheit zu bringen, ganz im Gegenteil.
In der Regel war es an ihr, den männlichen Partner regelmäßig in
Verwirrung zu stürzen.
Sie schluckte, leckte sich die Lippen und wagte schließlich zu
antworten. "Ok, wir könnten bei Gelegenheit etwas trinken gehen,
einen Kaffee vielleicht, oder... ".
"Oder etwas Stärkeres," neckte Mandy sie. "Ich freu mich darauf."
Damit stand sie auf, ergriff Kims Hand und legte einen Zettel hinein.
Rasch beugte sie sich noch einmal zu ihr hinunter, flüsterte in ihr
Ohr und küsste zärtlich ihre Wange. Es fühlte sich an, als würde sie
von einem Schmetterlingsflügel gestreift werden.
Gedankenverloren starrte Kim auf die in schlanken Buchstaben notierte
Telefonnummer, Mandys drei Worte noch in Erinnerung. `Ruf mich an!'

"Erzähl mir etwas!" Mandy lag auf der Seite,gestützt auf einen
Ellbogen und blickte auf Kim hinab, die sich, ein seliges Lächeln auf
den Lippen, auf dem seidigen Laken ausgestreckt hatte.
"Du weißt schon, dass du den süßesten Mund der Welt hast," fügte sie
hinzu und beugte sich über sie, um von der Süße zu kosten.
Kims Röte in den Wangen vertiefte sich, als sie den Kuss
leidenschaftlich erwiderte. "Das kommt von dem Dessert," neckte sie.
"Ich dachte, das Dessert wäre ich gewesen."
"Du spinnst!" Lachend schubste Kim sie von sich. "Obwohl," sie legte
ihre Stirn in Falten, "obwohl du eigentlich besser schmeckst als jede
Schokolade."
Mandy rieb ihr Gesicht an Kims über die Kissen ausgebreitete
Locken. "Komm schon, Dornröschen, erzähle mir etwas über dich. Ich
weiß noch viel zu wenig von dir."
"Da könnte ich mich aber auch beschweren, geheimnisvolle Fremde,
oder?" kicherte Kim. "Aber gut, welche tiefen, dunklen Geheimnisse
möchtest du denn lüften?"
Mandy überlegte. "Etwas aus deiner Kindheit. Etwas über die kleine
Kim. Sicherlich warst du ein Prinzesschen."
Ein Schatten flog über Kims Gesicht.
"So würde ich es nicht direkt ausdrücken."
"Was ist?" Mandy wandte sich ihr besorgt
zu. "Familienschwierigkeiten?"
Kim zuckte abweisend mit den Schultern. Nun ja, das Übliche. Vater
nie zu Hause, ständiges Umziehen... ".
Die andere nickte verständisvoll. "Das ist nicht leicht für ein Kind.
Und was tun deine Eltern heute?"
Kim schluckte. "Meine Mutter starb vor ein paar Jahren."
"Das tut mir leid. Und dein Vater?"
Sie drehte sich um, richtete den leeren Blick auf die kahle
Wand. "Das ist nicht so einfach."
Mandys Hand tastete sich über ihren Rücken, bis sie auf ihrer
Schulter liegenblieb, als wollte sie ihr Trost spenden. Vielleicht
war es diese Geste, die Kim dazu bewog weiter zu sprechen.
"Nach dem Tod meiner Mutter ist in ihm etwas zerbrochen, in uns
beiden. Aber er hat sich die Schuld gegeben, und ich glaube nicht,
dass er das jemals vollkommen verwinden wird."
"Es gibt keinen Riss, der nicht irgendwann wieder geklebt werden
könnte. Ich meine, du hast es doch auch geschafft, oder?"
Kim nickte und murmelte leise: "Es war nicht leicht. Und für ihn
vielleicht noch schwerer, zumal ich ihm nicht verzeihen konnte, und
vermutlich auch nie dazu in der Lage sein werde."
"Was meinst du damit? War es ein Unfall?"
Kim schüttelte den Kopf, drehte sich ihr wieder zu und streichelte
das dunkle Haar, das frei über ihr schwebte.
"Ich kann nicht darüber reden."
Ein kleines Lächeln zuckte wieder um ihre Mundwinkel. "Weißt du, dass
mich deine Augen im ersten Augenblick an seine erinnert haben?"
Mandy grinste. "Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Da gibt es doch
diese griechische Sage."
Kim zog spielerisch an ihren Locken. "Von Ödipus bin ich aber
hoffentlich weit entfernt, und außerdem siehst du vollkommen anders
aus als er, und deine Augen sind viel heller."
"Hm." Mandy setzte ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. "Also, für ihn
will ich nur hoffen, dass er Ähnlichkeit mit dir hat."
Kim grinste dankbar und sah sie mit plötzlicher Ernsthaftigkeit
an. "Weißt du, dass ich zum ersten Mal seit langem an ihn denken
kann, ohne zu verzweifeln?" Sie umschlang Mandys Nacken und zog sie
zu sich herunter.
"Das habe ich dir zu verdanken," flüsterte sie, bevor sich ihre
Lippen sehnsüchtig trafen.

* * *

"Du liebe Zeit, wenn wir das nur geahnt hätten," klagte Kim, während
sie erschöpft gegen den Wind ankämpfte.
"Wir haben es gleich geschafft, nur noch ein kleines Stück," schrie
Mandy, um das Tosen der unkontrolliert herumwirbelnden Blätter und
Zweige zu übertönen, die gerade in diesem Moment von einer
Naturgewalt bewegt wurden, die noch nicht einmal angefangen hatte,
ihre Stärke zu demonstrieren.
Die Wolken rasten grau und bedrückend tief über ihren Köpfen hinweg.
Der für gewöhnlich so idyllische Wanderweg verbarg sich unter gelben
Wolken aus Staub und Sand, die durch die Kraft der Elemente ihre
Bodenhaftung verloren hatten.
Kim hustete und verfluchte sich dafür auf die Idee mit dem
Wochenendausflug gekommen zu sein. Obwohl, wenn sie ehrlich war, ihre
Idee war es eigentlich gar nicht gewesen. Sie hatten nur so lange
davon geredet, bis sie davon überzeugt gewesen war, dass eine
Wanderung genau das wäre, das ihr noch fehlen würde. Von wegen. Sie
versuchte das Gewicht des Rucksackes etwas gleichmäßiger auf ihren
Schultern zu verteilen und bemühte sich mit ihrer Freundin Schritt zu
halten. Das war definitiv das letzte Mal, dass sie sich freiwillig in
die Natur begeben würde. Zu allem Überfluss hatte Mandy ihr
geschworen, dass das Wetter halten würde. Mittlerweile bezweifelte
Kim, dass sie überhaupt nachgesehen hatte. Ein Sturm wie er sich
gerade anbahnte, hätte doch kaum zu übersehen sein dürfen. Sogar ein
Stadtpflänzchen wie sie, erkannte, dass es sich um mehr als ein
kurzes Sommergewitter handeln musste. Wütend biss sie sich auf die
Lippen. Von jetzt an würde sie es sich zweimal überlegen, bevor sie
Kalifornien so mir nichts dir nichts verließe.
"Dort ist es," erklang Mandys Stimme undeutlich durch das
mittlerweile beinahe ohrenbetäubende Brausen. "Dort drüben."
Kim atmete erleichtert auf und versuchte sie einzuholen, nahm doch
die Dunkelheit stetig zu, und sie vermeinte, bereits erste
Wassertropfen zu erahnen.
"Endlich!" Mandy schloss die Tür der Wanderhütte, deren Schlüssel sie
sich vom Verwalter des Nationalparkes besorgt hatte, mit einem
triumphierenden Grinsen auf, und zog Kim hinein. Keinen Moment zu
früh, denn genau in diesem Augenblick entschied sich der Sturm, mit
einem Donnerschlag loszubrechen. Kim fuhr zusammen, suchte Mandys
Augen, die ihr in der plötzlich eingetretenen Finsternis, wie ein
weit entferntes Funkeln erschienen, frei von Angst, im Gegenteil,
beinahe belustigt über das kleine Abenteuer. Einen Moment später
stand die Dunkelhaarige bereits hinter ihr, löste ihre Gurte, und
half ihr das Gepäck auf dem Boden abzustellen. Kim reckte sich, warf
einen besorgten Blick aus dem verriegelten Fenster, an das jetzt mit
roher Gewalt der Regen peitschte. "Wenigstens sind wir nicht nass
geworden," entfuhr es ihr. Mandy grinste. "Jetzt sehen wir erst
einmal, ob wir hier Licht haben." Kim nickte skeptisch und blickte
überrascht auf, als eine einzelne Glühbirne in der Mitte des Raumes
aufflackerte. "Hey, vielleicht haben wir doch noch Glück heute,"
meinte sie hoffnungsvoll und nahm ihre Umgebung sorgfältig in
Augenschein.
"Ist doch ein hübsches Plätzchen."
"Das finde ich auch," stimmte Mandy ihr zu und legte einen Arm um
ihre Schultern. "Und manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, immer
so zu leben."
Kim wandte sich ihr zu, wie schon so oft gebannt von dem Blick der
Augen, die in einem verborgenen Licht zu strahlen schienen.
"Du meinst... ."
Abrupt wandte sich Mandy ab. "Lassen wir das. Ich wollte eigentlich
später mit dir darüber sprechen."
"Worüber sprechen?" Kim folgte ihr alarmiert. "Irgendetwas stimmt
doch hier nicht." Ihre Beunruhigung nahm zu und sie griff nach Mandys
Arm, als suchte sie eine Stütze, wollte sich versichern, dass alles
in Ordnung war.
Mandys Blick suchte den Ihren, und zum allerersten Mal glaubte Kim
eine leichte Unsicherheit in diesen großen Augen wahrzunehmen. Mandy
blinzelte ein wenig, und als sie ihre langen dunklen Wimpern wieder
voneinander löste, war dahinter nichts als eine mutwillige
Belustigung zu erkennen. "Wir werden sehen," neckte Mandy, während
sie sich von Kim befreite und ihren Rucksack öffnete. "Erst einmal,
lass uns zusehen, dass wir diese Nacht trocken und warm überstehen."
Kim konnte nicht anders, als zurückgrinsen, und doch, das Gefühl von
etwas Unerwartetem, das unmittelbar bevorzustehen schien, ließ sich
nicht mehr abschütteln.
"Es lässt sich nicht leugnen, dass der Sommer sich seinem Ende
zuneigt." Sie lauschte abwesend dem überwältigend machtvollen
Rauschen des Regens, der, vereint mit der Kraft des Sturmes ihren
Unterschlupf bedrängte und umtoste. Kim war nicht weit davon
entfernt, sich zu fühlen wie Dorothy aus dem Zauberer von Oz, bevor
ihr Häuschen vom Wind davongetragen wurde.
"Fürchtest du dich?" Mandy zog sie zärtlich an sich. Kim schüttelte
den Kopf und lehnte sich an sie. Erstaunt über ihre eigene Reaktion,
oder besser gesagt über das Ausbleiben derselben, jeglichen Gefühls
von Ärger oder Verletzlichkeit aufgrund dieser Annahme, schmiegte sie
sich in die Arme der Freundin, ließ es zu, dass sie ihr Schutz und
Sicherheit boten.

Mandy vergrub ihr Gesicht in Kims Haaren und seufzte. Nach allem, das
sie erlebt, das sie getan hatte, war sie in zunehmendem Maße
verwirrt, über die Gefühle, die diese Frau in ihr auslöste. Und nicht
nur das, auch ihr Handeln war beeinflusst von Gedanken und Wünschen,
die sie nicht steuern konnte, die ein Eigenleben entwickelten, eine
Richtung verfolgten, die sie vor sich selbst noch leugnete. Sogar
dieser Ausflug war bis ins kleinste Detail vorbereitet, diente nur zu
dem Zweck ihr zwei Wege zu öffnen, zwei Wege, die unterschiedlicher
nicht sein konnten, und von denen ihr Herz so klar wie niemals zuvor,
nur den einen akzeptierte, einen Weg, den sie niemals zuvor
beschritten hatte, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie ihn
jemals wählen könnte.
"Ich liebe dich, Kim", murmelte sie und presste ihre Lippen in die
goldenen Locken. "Und egal, was du jemals über mich erfahren
solltest, das musst du mir glauben."

Kim bebte. Sie wusste nicht, ob das Zittern ausgelöst wurde durch den
Temperaturabfall, durch die Kälte, die allmählich durch die Ritzen
der Hauswand kroch, oder durch Mandys Worte, die eine ungewohnte
Ehrlichkeit enthielten, die Ahnung von etwas Bedrückenden, einer
Erfahrung, die sie nicht machen wollte.
"Du musst mir nichts sagen, dass du lieber für dich behalten
würdest", versuchte sie das über ihr schwebende Unheil
aufzuhalten. "Wirklich, Mandy." Sie drehte sich um, und verschloss
der anderen den Mund mit einem Kuss. "So wie du bist, liebe ich dich,
und daran wird nichts etwas ändern."

Mandy erwiderte dankbar den Kuss. Wie hatte es nur soweit kommen
können? Sie konnte sich nicht daran erinnern schon jemals in so einem
Gefühlschaos gesteckt zu haben. Eigentlich gab es nichts Einfacheres
für sie, als den Verstand die Überhand über alles andere gewinnen zu
lassen, und ihre Entscheidungen aufgrund des Selbsterhaltungstriebs
zu fällen. Zugegeben, wenn sie mit Männern zu tun hatte, war es in
der Regel ohnehin einfacher, aber trotzdem, mit dieser Lage war
nichts zu vergleichen, das sie bereits erlebt hatte.
Sie konnte es selbst nicht fassen, dass es erst Anfang diesen Sommers
gewesen war, dass man ihr diese Aufgabe gestellt hatte, die Aufgabe
sich um Kim Bauer "zu kümmern", diese Aufgabe, die ihr Leben auf den
Kopf gestellt, sie, zumindest innerlich, in ein emotionales Wrack
verwandelt hatte. Und nun war sie bereit alles hinzuwerfen,
Verbindungen, die ihr unzählige Male das Leben gerettet hatten, zu
kappen, und sich einem unabwägbaren Risiko auszusetzen. Und das alles
für dieses blonde Geschöpf, das eigentlich nichts von ihr wusste, das
sie verabscheuen würde, sollte die Wahrheit ans Licht kommen, und dem
sie dennoch nicht widerstehen konnte.

Endlich lösten sie ihre Lippen atemlos voneinander, waren gezwungen
Luft zu holen, und ließen sich, immer noch fest umschlungen, auf das
zerschlissene Sofa sinken. Der Sturm tobte unvermittelt weiter, und
doch fühlte sich Kim ruhiger, selbstsicherer, mit der Erde und dem
Boden verhaftet. Sie strich Mandy liebevoll die dunklen Locken aus
dem Gesicht, befestigte sie hinter ihren Ohren, an denen sie
vorsichtig begann zu knabbern. Mandy schloss die Augen. "Ich hatte
ganz vergessen, dass auch ein herbstliches Wetter Vorteile bietet. Es
geht doch nichts darüber sich vor einem Unwetter zu verkriechen,
sofern man die richtige Gesellschaft hat."
Kim kicherte leise. "Du bringst mich da auf etwas. Ich habe mir schon
immer gedacht, dass es doch einen Grund dafür geben muss, dass die
Leute Richtung Norden ziehen."
Mandy setzte sich mit einem Ruck auf, und starrte sie an. "Du denkst
manchmal daran umzuziehen?"
Kim zuckte mit den Schultern. "Wer tut das nicht hin und wieder. Ich
meine... ," sie zögerte. "Ich liebe Los Angeles, wirklich, aber
manchmal denke ich auch, dass ich lange genug dort gelebt habe. Da
sind Dinge, an die ich nicht unbedingt ständig erinnert werden
möchte." Sie erwiderte Mandys intensiven Blick. "Das kannst du
vermutlich nicht so gut nachempfinden, du scheinst es nie lange an
einem Ort auszuhalten, soweit ich dich verstanden habe."
Mandy senkte den Kopf und nickte, setzte schließlich zögernd
hinzu: "Könntest du dir denn so ein Leben vorstellen? Ein Leben
voller ständiger Veränderungen, ohne Konstante?"
Kim spürte den Ernst in ihrer Frage, erfasste in Sekundenschnelle die
Unsicherheit in ihren Augen und hielt die spontane Antwort, die ihr
auf der Zunge gelegen hatte, zurück.
"Das käme wohl auf die Umstände an", sagte sie schließlich leise. "Es
hätte wohl ebenso seine Vorteile, wie auch seine Nachteile. Man
müsste sich sicher erheblich umstellen."
"Aber man könnte Dinge sehen, die sich jemand, der sein Leben in
Kalifornien verbracht hat, niemals erträumen würde."
Kims Blick weitete sich. "Du denkst wirklich daran... ".
Mandy fuhr mit ihren schlanken Fingern zärtlich über Kims Wange,
streifte ihr Kinn, bevor sie weitersprach. "Ich würde nichts lieber
tun, als dir einen richtigen englischen Herbst zeigen. Es gibt
nichts, das diesen Anblick übertreffen kann. Das Licht und die
Farben, ich glaube, wenn ich dich einmal dort sehen könnte, sehen
könnte wie du von diesem goldenen Schein verzaubert wirst, mit dir
durch die Dämmerung gehen könnte und beobachten, wie die Dunkelheit
niedersinkt, ich glaube, dann hätte sich alles erfüllt, das ich mir
jemals wünschen könnte."
Sie atmete ruhig aus. "Dann könnte ich beruhigt sterben."
Kim fuhr zusammen. "Was soll denn das bedeuten. Wovon redest du?"
"Nichts, nichts", versuchte Mandy rasch abzulenken. "Ich bin nicht
krank, wenn du das denkst. Ich habe nur in meinem Beruf hin und
wieder mit dem Tod zu tun. Wahrscheinlich ist er mir deshalb stets
gegenwärtig."
"Ich dachte du schreibst," fragte Kim irritiert.
"Das tue ich." Mandy wich ihr aus, versuchte sich aus der
selbstgestellten Falle zu befreien, überlegte es sich dann doch mit
einem Mal anders. Trotz aller Zweifel lag es nicht in ihrer Natur die
Dinge auf die lange Bank zu schieben, und diese Gelegenheit mochte so
gut sein, wie jede andere.
"Ich habe dir nicht alles darüber erzählt, was ich so tue..., was ich
getan habe. Und ich glaube auch nicht, dass ich dir jemals alles
darüber erzählen werde. Trotzdem solltest du etwas wissen."
Eine Pause entstand, in der Mandy vergeblich nach Worten suchte, bis
Kim ihr versichernd beide Arme um den filigranen Körper schlang und
sie an sich zog. "Was auch immer es ist", flüsterte sie, "du kannst
es sagen."
Mandy seufzte. "Vielleicht so viel. Ich habe einen Job zu erfüllen,
und wenn ich diesen nicht zur Zufriedenheit meiner Auftraggeber
erledige, dann werde ich untertauchen müssen. Und das möchte ich
nicht allein tun." Sie richtete ihren Blick auf den Boden, weigerte
sich Notiz davon zu nehmen, wie sie Kim erstarren fühlte.
"Ich verstehe kein Wort", brachte sie hervor, ihre Augen groß und
dunkel. "Das hört sich an wie... das hört sich an, als ob... ". Mandy
schwieg immer noch, ihre Arme an Kims Rücken gepresst, den Kopf an
ihre Brust gelehnt.
"Ich möchte mit dir fortgehen, ich möchte den Winter mit dir
verbringen, möchte mich mit dir an den Kamin kuscheln und die Welt
mit ihrem Wahnsinn draußen in der Kälte erfrieren lassen."
"Mandy, ich... ", Kim stammelte, unsicher was das alles zu bedeuten
hatte. Mandy hob ihren Kopf und sah sie an. In ihren Augen
schimmerten Tränen. "Jetzt sofort, wir könnten von hier aus
verschwinden. Sobald der Sturm vorbei ist, hätten wir die Möglichkeit
nach Norden weiterzuziehen. Es ist alles vorbereitet, wir müssten nie
wieder zurücksehen."

"Das ist verrückt", murmelte Kim. "Das kannst du unmöglich ernst
meinen."
"Das meine ich todernst." Eiseskälte umklammerte Kims Herz, als ihr
Blick mit dem der Freundin verschmolz. Diese Entschlossenheit hatte
sie schon oft gesehen, schon viel zu oft. Sie war das Resultat
langjähriger Erfahrungen und dem Wissen, dass ein kurzes Zögern, ein
kleiner Irrtum irreparable Folgen haben konnte. Sie hasste diesen
Blick.
"Was soll der Unsinn. Du hörst dich an wie mein Vater." Ihre Stimme
wurde schrill, überschlug sich. Sie spürte Panik in sich aufsteigen.
"Kim!" Mandy hielt sie fest, versuchte sie zu beruhigen, sie an sich
zu drücken, aber Kim hatte sich bereits mit einer geschickten Drehung
aus ihrem Griff befreit.
Mühsam rang sie nach Atem, spürte Mandys Augen, die sie keinen Moment
los ließen, fühlte die angespannte Kälte, die von der Anderen
ausging.
Ihr Agententraining setzte ein, sie zog Schlüsse, erahnte
Zusammenhänge und weigerte sich doch zu glauben, was sie vor sich
sah. "Es war alles eine Lüge, alles geplant!"
"Nein, nein!" Mandy sprang auf, wollte auf sie zugehen, und blieb
dann doch vor ihr stehen, die Hände hilflos erhoben, der Blick
flehend. "Das zwischen uns ist keine Lüge, war niemals eine gewesen,
von Anfang an nicht."
"Ich wünschte, ich könnte dir glauben", erwiderte Kim trocken. "Und
selbst wenn, was sollte es für einen Unterschied machen?"
"Es macht einen Unterschied. Es ändert alles." Mandy verschränkte
schützend die Arme vor ihrer Brust.
"Ich liebe dich, Kim. Und vollkommen egal wie oder aus welchem Grund
wir uns gefunden haben, ich werde alles tun, das in meiner Macht
steht, damit es nicht endet."
"Vielleicht solltest du dann mit der Wahrheit anfangen." Kims Stimme
wurde leise, erschöpft, sie musterte konzentriert den groben
Holzboden, lauschte auf den Regen, der mittlerweise in einem
gleichmäßigen Rhythmus auf das Dach prasselte.

"Die Wahrheit? Was willst du wissen?" Mandy atmete ruhig. Ihre Stimme
klang leise und gefasst, und doch wagte sie es nicht sich Kim zu
nähern, die sich in ihr Inneres zurückgezogen hatte, offensichtlich
in ihren Gedanken weit entfernt.
"Ich glaube, du weißt es schon, dass wir uns nicht durch Zufall
begegnet sind. Du musst es geahnt haben."
"Also hattest du einen Auftrag, der mich betraf." Kim lachte bitter
auf. "Es ist ja nicht so, als würde mir so etwas zum ersten Mal
passieren. Warum wundere ich mich eigentlich noch darüber."
"Es ist anders. Ich... sie wussten nicht... ," Mandy stockte. "Ich
sollte nur beobachten, nur eingreifen, im Falle... , nur wenn sie es
für nötig erachten sollten."
"Lass mich raten." Kims Augen verloren den abwesenden Ausdruck,
funkelten, fixierten Mandy dunkel und unerbittlich. "Irgendjemand,
und mittlerweile kümmert es mich auch nicht mehr, um wen es sich
handelt, hielt es für eine großartige Idee, sich ein Druckmittel
gegen meinen Vater zu sichern. Ich weiß zwar nicht warum, denn er ist
schon wieder spurlos verschwunden, und der Himmel weiß, was mit ihm
los ist. Aber da es ja offensichtlich nicht um mich geht, kann es mir
letztendlich auch egal sein." Sie hob ihr Kinn, verschränkte wütend
die Arme und schüttelte ihr Haar zurück.
"Es geht um dich, für mich geht es nur um dich", flüsterte Mandy und
trat einen Schritt auf Kim zu, die unmittelbar zurückwich. Mandy ließ
ihre Arme sinken, aber wandte den Blick nicht ab.
"Dieser jemand weiß, wo dein Vater ist, eigentlich hat er mit dafür
gesorgt, dass er sich an diesem Ort, in dieser Lage befindet. Und
nicht nur das. Diese Leute haben Einfluss, mehr als du dir vorstellen
kannst. Sie spielen mit uns, als wären wir Marionetten."
Kim schüttelte den Kopf. "Ich will so etwas gar nicht hören."
"Aber vielleicht willst du hören, dass Jack mich vor Jahren gestellt
hat."
Kim riss die Augen auf und schloss sie gleich darauf wieder
gottergeben. "Natürlich, wie sollte es auch anders sein."
"Ich würde nicht direkt sagen, dass wir alte Freunde sind, aber wir
sind uns über den Weg gelaufen." Mandy bemühte sich ein aufkeimendes
Lächeln zu unterdrücken. "Er wäre sicher nicht erfreut gewesen, wenn
er erfahren hätte, mit welch verlockenden Angeboten man sich direkt
nach seiner Festnahme an mich gewandt hat."
"Wer... ," Kim verstummte, unsicher, ob sie Weiteres erfahren wollte.
"Die Regierung dieses Landes bemüht sich ständig um Flexibilität. Man
war schon immer der Meinung dass der Zweck jedes Mittel heiligt,
insbesonders wenn es um geheime Einsätze geht. Aber das weißt du ja
besser als die meisten."
"Ich verstehe nur nicht... ."
Mandy sprach ruhig weiter, leise, und doch selbstsicher. "Das
Schicksal sehr vieler Leute ist mit dem deines Vaters verknüpft. Die
Logan Administration pflegte sehr weitreichende Verbindungen,
zahlreiche überaus mächtige Personen fürchteten, durch Jack in der
einen oder anderen Weise kompromittiert zu werden."
"Und was ist mit ihm passiert?" Kim bemerkte, dass ihre Stimme
besorgter klang, als sie sich zugestehen wollte.
Mandy zuckte mit den Schultern. "Er wurde erst einmal aus dem Weg
geschafft. Nein... ." Sie schüttelte hastig den Kopf, als sie
bemerkte, wie Kim zusammenzuckte. "Er lebt, aber... man kümmert sich
um ihn. Ich kann dir auch nur sagen, was man mir gesagt hat."
"Hey!" Endlich wagte sie es, sich der Blonden zu nähern, erhob
vorsichtig eine Hand, um sie an der Schulter zu berühren. "Er hat das
mit Sicherheit nicht verdient." Eine Pause entstand, in der nur noch
das leise Atmen der beiden Frauen zu hören war.
"Aber du auch nicht!"
Ihre Augen trafen sich, als Kim dieses Mal nicht zurückwich. Ein
Schluchzen schüttelte sie, und durch den Wirbel ihrer
widerstreitenden Gefühle, bemerkte sie es zu spät, als sich zwei Arme
wie von selbst um sie legten, als Mandy sie wieder an sich zog und
zärtlich ihren Rücken streichelte, ihre Finger sanft zu ihrem Hals
hinauf gleiten ließ, um schließlich genau diese Stelle hinter ihrem
Ohr zu liebkosen, an der Kim am empfindlichsten war. Sie versuchte
aus dem Strudel, der sie zu verschlingen drohte, aufzutauchen,
kämpfte darum die Kontrolle zu behalten. Doch der Kampf schien
verloren, als Mandys Mund sich dem Ihren näherte, als ihre Arme sich
lockerten, hinab sanken und ihre Knie weich wurden.
"Ich werde niemals zulassen, dass dir jemand weh tut", hauchte Mandy
so leise, dass sie die Worte kaum erahnen konnte, und doch wusste
sie, dass es die Wahrheit war, wollte sie mehr als alles andere, dass
es die Wahrheit wäre, dass sich ihr vielleicht in diesem Moment eine
Möglichkeit böte, ihrem Schicksal zu entfliehen.

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